Wien. (dab) Der Stammwähler, der sich mit einer Partei identifiziert und sich ihr verbunden fühlt: Bei der vergangenen Nationalratswahl am Sonntag hat er eine so geringe Rolle gespielt wie noch nie. "Parteibindungen werden durch Kandidatenbindungen ersetzt", sagte Sozialwissenschafter Fritz Plasser am Dienstag in Wien. Gemeinsam mit seinem Kollegen Franz Sommer untersuchte Plasser die Motive und Determinanten für die Wahlentscheidung 2017. Ihr Bericht basiert auf einer vom Marktforschungsunternehmen GfK Austria durchgeführten Onlineumfrage. Für diese wurden 2000 Menschen, die sich als Wähler deklarierten, zwischen dem 11. und 14. Oktober befragt.

Nur mehr 34 Prozent gaben an, einer bestimmten Partei gefühlsmäßig nahezustehen. 66 Prozent haben keine ausgeprägte Bindung zu einer Partei. Das sei ein neuer Höchstwert bei einer Nationalratswahl - ebenso wie die 18 bis 20 Prozent, die sich überhaupt erst in den letzten Tagen vor der Wahl für eine Partei entschieden haben, so Plasser. Die Wechselwähler sind hingegen im Auftrieb. "Rund jeder Dritte hat eine andere Partei als bei der Wahl 2013 gewählt. Das ist der bislang höchste Wechselwähleranteil."

Wählen, um zu verhindern

Koalitionstaktische Erwägungen nehmen einen größer werdenden Stellenwert ein, so ein weiteres Untersuchungsergebnis. FPÖ-Wähler gaben an, eine neuerliche Koalition von SPÖ und ÖVP verhindern zu wollen. SPÖ- und Grün-Wählern ist hingegen Schwarz-Blau ein Dorn im Auge (siehe nebenstehende Grafik). Die Verhinderung einer rot-blauen Koalition war keiner Wählergruppe ein großes Anliegen. Plasser erklärt sich diesen Umstand damit, dass "diese Koalition aus Sicht der Wähler als sehr unwahrscheinlich gesehen wird".

Nur mehr 15 Prozent aller Befragten wollen Österreich künftig von einer großen Koalition aus SPÖ und ÖVP regiert sehen. In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren seien noch 60 bis 70 Prozent für eine solche Koalition gewesen, sagte Plasser. Er sprach von einem "beispiellosen Akzeptanzverlust". "Das muss man einmal schaffen." Schwarz-Blau bzw. Blau-Schwarz präferieren 38 Prozent der Befragten.

Thematisch dominierte die Debatte um Migration und Integration die Wahlmotive. "Viele sachpolitische Themen wie Arbeitslosigkeit wurden etwas in den Untergrund gedrängt." Das Migrationsthema habe wie gewohnt vor allem FPÖ-Wähler mobilisiert, aber neuerdings auch ÖVP-Wähler. "Die SPÖ ist bei diesen Themen nicht konkurrenzfähig."

Wunsch nach Veränderung

Die Befragten zeichnen ein düsteres Bild von der politischen Lage. Im September 2013 meinten noch 53 Prozent, dass sich Österreich in die richtige Richtung entwickle. Vier Jahre später befanden 69 Prozent, Österreich schlage die falsche Richtung ein.

"Es gibt in der Wählerschaft einen erkennbaren Wunsch nach Veränderung, Bewegung und Aufbruch", so Plasser. Diesem Wunsch habe Kurz durch seine Person, seinem Erscheinungsbild und seinen Argumenten am besten entsprochen. Rund jeder dritte ÖVP-Wähler hat laut der Untersuchung dann auch wegen Sebastian Kurz türkis/schwarz gewählt. Bei den SPÖ-Wählern war für 21 Prozent Bundeskanzler Christian Kern ein Wahlmotiv. "Das könnte daran liegen, dass Kern erst eineinhalb Jahre im Amt ist und das nicht lange genug ist, um einen Kanzlerbonus zu bekommen."

Heinz-Christian-Strache war nur für drei Prozent der FPÖ-Wähler ausschlaggebend. Das erscheine überraschend, so Plasser. Aber: "Bei der FPÖ sind die Themen so markant, scharf und eindeutig, dass sie ausschlaggebend sind. Die Sympathie für einen Kandidaten spielt eine untergeordnete Rolle."