Wien. "Wollt Ihr keinen Super-GAU, wählet Freda Meissner-Blau." Eigentlich war es ein Slogan, den die Grünen bei den Demos gegen die deutsche Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf geboren hatten. Eigentlich, denn im Zuge des Bundespräsidentenwahlkampfes kam es zur Katastrophe. Am 26. April 1986 passierte das für etablierte Parteipolitik Undenkbare: der größte anzunehmende Unfall im Atomkraftwerk Tschernobyl. Ein Ereignis, das den Österreichern drastisch vor Augen führte, dass die Grünen durchaus Sinn für Realität hatten.

Riecher für Themen

Nicht missverstehen: Es war nicht nur das Tschernobyl-Unglück, das die Grünen ins Parlament führte. Es waren das populistische Zuspitzen auf ein Thema und der Aktionismus, der die Grünen von der Mitte der umweltbewegten Basis heraus, mit der sie durch die Au in Hainburg gestiefelt waren, zu einer glaubwürdigen Alternative machte. Es war die Nähe zu Bürgern und auch Bürgerinnen, deren Ängste und Sorgen auch die ihren waren. Es war die politische Weitsicht für Themen, die als zukunftsträchtige anstanden, von anderen vernachlässigt worden waren. All das machte die Grünen zu einer wählbaren Partei für weit größere Kreise. Freda Meissner-Blau erzielte 1986 nicht nur einen Achtungserfolg bei der Bundespräsidentschaftswahl. Im November zog die "Grün Alternative Liste" mit 4,6 Prozent bzw. 234.028 der Stimmen im Rücken und acht Mandataren ins Parlament ein.

31 Jahre später ist es nun — vorerst — mit dem grünen Parlamentarismus vorbei. Die Grünen scheitern an der Vier-Prozent-Hürde. Dabei sind die Grünen im Parlament nicht nur als "zusätzlicher Farbtupfer" aufgefallen, was ihnen ÖVP-Politikerin Marga Hubinek in ihrer ersten Nationalratssitzung prophezeite. Sie haben den Parlamentarismus verändert.

Neuer Arbeitseifer

Wobei, in einem hatte Hubinek recht: Es war ein bunter Haufen, der da an diesem 17. Dezember 1986 zur konstituierenden Sitzung in den Nationalrat einzog und der es im Hohen Haus bunt trieb. Freda Meissner-Blau verkörperte mal die Umwelt-, mal die Frauenbewegte. Dann gab es den selbst im Rollstuhl sitzenden Behindertensprecher Manfred Srb, der durch eine für ihn fast zu enge Tür im Parlament geschoben wurde und schon da für die Antidiskriminierung von Behinderten eintrat. Für Antidiskriminierung stand auch Slowenenvertreter Karel Smolle. Staatsanwalt Walter Geyer, Josef Buchner und Herbert Fux vertraten den bürgerlichen Flügel; Andreas Wabl und Peter Pilz die aufmüpfigen Linken.