Wien. "Der Kampf gegen Menschenhandel ist ein Langstreckenlauf, der noch viel Ausdauer erfordern wird." Das hielt Elisabeth Tichy-Fisslberger, die österreichische Koordinatorin zur Bekämpfung des Menschenhandels, am Freitag in der Wiener Hofburg bei einer OSZE-Konferenz unter dem Vorsitz von Österreich fest, auf der internationale Experten Lösungsansätze für diese Form der Kriminalität suchten.

Die Tagung ist Teil einer EU-weiten Kampagne in einer Zeit, in der sich so viele Menschen wie noch nie auf der Flucht befinden. Gerade Opfer von unfreiwilliger Migration sind anfällig, Opfer von Menschenhändlern zu werden - indem sie als Zwangsprostituierte oder als Arbeitskräfte ausgebeutet werden, für wenig Geld ein Organ verkaufen, als Kindersoldaten rekrutiert oder zu Selbstmordattentaten gezwungen werden.

Mehr als 65 Millionen Menschen befanden sich im Jahr 2016 auf der Flucht. "Der größte Flüchtlingsstrom seit dem Zweiten Weltkrieg ist seit 2014 noch gestiegen", betonte Vizekanzler und Justizminister Wolfgang Brandstetter in seiner Eröffnungsrede. Wie viele unwissende Frauen, Kinder und Männer Opfer von Menschenhandel werden, kann nur geschätzt werden.

"Unwissenheit der Bevölkerung, Ratlosigkeit der Behörden und Angst der Opfer" machen das Aufspüren von Opfern und damit die Bekämpfung von Menschenhandel so schwierig, sagte Tichy-Fisslberger. Demgegenüber steht eine Skrupellosigkeit der Täter, erklärte Franz Lang, der Chef des Bundeskriminalamts (BK).

Es bleibt nicht bei Drohungen


Wie lukrativ, durchorganisiert und brutal Menschenhandel sein kann, veranschaulichte Gerald Tatzgern vom BK am Beispiel afrikanischer Frauen, die für die Fahrt über das Mittelmeer Gratisplätze in schon vollen Boot erhalten: Die Täter wissen, dass die Ausbeutung dieser Frauen als Prostituierte ein Vielfaches einbringt. Dafür, dass Opfer vor der Polizei nicht aussagen, treffen die Täter Vorkehrungen durch Gewaltdrohungen gegen die Angehörigen. Es bleibt aber nicht bei Drohungen. "Eine Frau musste am Handy mitanhören, wie ihre Mutter mit heißem Wasser übergossen wurde und vor Schmerzen geschrien hat", so Tatzgern.

In Libyen leben aktuell fast 700.000 Migranten, erklärte Othman Belbeisi, Leiter der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in dem nordafrikanischen Staat, dessen Küste Ausgangspunkt für die riskante Überfahrt nach Italien ist. Libyen ist aber nicht allein ein Transitland. "Mehr als 60 Prozent der Migranten in Libyen wollen in Libyen bleiben, um dort ihre Lebensumstände zu verbessern", so Belbeisi. Wer dort die Mittelmeerküste erreicht, hat vieles ausgestanden. Sechs Monate lang kann der Weg durch die Wüste dauern - ein Weg, auf dem der Kontakt zu Angehörigen verloren geht und die Migranten sexuellem Missbrauch und physischer Gewalt ausgeliefert sind. "Dort könnten mehr Menschen sterben als im Mittelmeer", so der IOM-Mitarbeiter.

Die mit dem Sacharow-Preis des EU-Parlaments ausgezeichnete irakische Yezidin Lamiya Aji Bashar richtete eine Mahnung an die Teilnehmer und einen Appell an die heimische Regierung. "Es reicht nicht, Konferenzen zu veranstalten. Wir müssen etwas für die Opfer tun", so die Menschenrechtsaktivistin, die acht Monate lang Geisel des IS war. 3500 Frauen und Mädchen befänden sich noch immer in der Gewalt der Terrormiliz. Österreich habe vor zwei Jahren die Aufnahme von 300 yezidischen Frauen versprochen, aber nicht realisiert, sagte Aji Bashar.