"Nicht im eigenen Saft braten"

All das gilt es mitzubedenken, wenn die Grünen nun versuchen, sich personell und programmatisch neu aufzustellen. Schon vor dem Bundesvorstand am Freitag wurden Stimmen laut, die ein radikales Umdenken bei der Reflexion der Grünen fordern. Er wolle, dass eine "mutige Analyse" gemacht wird, sagte der - ebenfalls langgediente - grüne Abgeordnete Karl Öllinger am Dienstag. Möglichst viele Leute von außen sollen einbezogen werden, wünscht sich Öllinger, der durchaus zum linken Parteiflügel gezählt werden darf. Er wolle nicht, dass man "bei der Analyse wieder im eigene Saft brät, und sich die Leute, die möglicherweise diese Krise zu verantworten haben, sich dann selbst dabei beurteilen, wie sie diese Krise bewältigen".

"Die Debatte und Fehleranalyse läuft schonungslos selbstkritisch, aber ohne Selbstzerfleischung", ließ die grüne Europaabgeordnete Monika Vana am Freitagnachmittag aus dem erweiterten Bundesvorstand wissen. "Das hätte, wie man aus der Vergangenheit der Grünen weiß, auch anders laufen können." Jetzt aber gehe es vor allem um das finanzielle und strukturelle Überleben der Grünen. Immerhin: 2,5 Euro pro Wählerstimme, in Summe rund eine halbe Million Euro, bekommen die Grünen als Wahlkampfkosten rückerstattet, bei fünf Millionen Euro bleiben allerdings noch eine ganze Menge übrig.

"Eine bittere Erkenntnis ist, dass wir der SPÖ gegenüber zu wenig angriffig waren. Wir haben zu wenig auf den Rechtsruck, auch auf die Möglichkeit von Rot-Blau, hingewiesen", sagte Vana. Angst, dass die Grünen von der bundespolitischen Bildfläche verschwinden könnten, hat sie nicht: "Es gibt mit dem Bundessprecher, den vier Bundesräten und den drei EU-Abgeordneten, die das Recht haben, in Europa betreffenden Ausschüssen zu sprechen, auch weiterhin Bundespolitik."

Eines ist für Werner Kogler aber nach dem Tag klar: An grünen Werten wie Klimaschutz, Gleichberechtigung, Umverteilung, Europa und Menschenrechten werde man festhalten. Und für "Grün brennen und rennen." Wie heißt es so schön: Grün ist die Hoffnung.

IM Porträt: Werner Kogler

Pointiert, emotional, sachverständig. So kennt man Werner Kogler aus seinen Reden im Nationalrat, dem er 18 Jahre lang angehörte. Der "Neue" als Bundessprecher ist grünes Urgestein. Werner Kogler war 1981 Gründungsmitglied der Alternativen Liste Graz sowie der Alternativen Liste Steiermark und Österreich. Noch während seines Studiums der Volkswirtschaftslehre an der Karl Franzens Universität in Graz zog er als Grüner in den Grazer Gemeinderat (1985 bis 1988) ein, wechselte 1994 nach Studienabschluss als Angestellter in den Grünen Parlamentsklub und wurde Mitglied der Klubgeschäftsführung.

Er hat sich von Beginn an auch als Aufdecker gesehen. Einer, der - ausgestattet mit einem ökonomischen Verständnis - nachbohrt. So hat er 1999 gemeinsam mit seinem Parteikollegen Karl Öllinger "Die Klima Connection. Freundschaft. Euroteam: Freunderl- und Vetternwirtschaft in der SPÖ. Der Lehrlingsskandal des Bundeskanzlers. Beschäftigungsmillionen für Parteigünstlinge - Korruption in der EU" herausgegeben. Klima steht hier nicht für die Klima-Katastrophe, sondern für den damaligen Bundeskanzler Viktor Klima.

Nach dem Ausscheiden Alexander Van der Bellens aus dem Nationalrat 2008 übernahm Kogler die Rolle des Chefökonomen des Grünen Klubs. Er war dort Budget-, Finanz- und Rechnungshofsprecher der Grünen und Vorsitzender des Rechnungshofausschusses. 2009 wurde Kogler mit 100 Prozent Zustimmung zum zweiten Stellvertreter der damaligen Bundessprecherin Eva Glawischnig gewählt.

In Kurzbeschreibungen wird er manchmal als "Josef Cap plus Fachwissen" und "Peter Pilz minus Egozentrik" charakterisiert.

In die Nationalratsgeschichte wird er eingehen mit der längsten rede, die dort jemals gehalten wurde: Bei der Debatte im Budgetausschuss, die dem Beschluss des Budgets 2011 am 16. Dezember 2010 voranging, begann er um 13.18 Uhr und endete um exakt 2.00 Uhr. Nach 12 Stunden und 42 Minuten endete er mit den Worten: "Das ist eigentlich schon alles, was ich sagen wollte. Das soll’s gewesen sein. Wir sind gespannt, ob Sie unsere dargebrachten Vorschläge aufnehmen werden".

Chefökonom wird Chefstratege

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