Wien. Es gibt da einen Witz: Eine Gruppe von Wanderern ist unterwegs in den Bergen und verläuft sich. Der Ökonom unter ihnen studiert die mitgenommene Karte, dreht sie rauf und runter, sucht nach Landmarken und kommt nach einiger Zeit zum Fazit: "Seht ihr den großen Berg dort drüben? Laut unserer Karte stehen wir exakt auf seinem Gipfel." Studierende der Volkswirtschaftslehre weltweit sehen ihre Fachdisziplin in einer solchen Phase der Orientierungslosigkeit. Der Vorwurf: Die gelehrten Theorien passen seit der bald schon zehn Jahre andauernden Finanz- und Wirtschaftskrise nicht mehr mit der Realität überein. Man habe die Krise weder kommen sehen, noch sei man seither gewillt gewesen neue Ideen zuzulassen.

Therese, Vero, und Steffen gehören zu dieser Gruppe der Wirtschaftsstudierenden. Sie sitzen in einem Wiener Kaffeehaus und äußern ihren Unmut. "Die Ökonomie ist zu einer unkritischen Einheitslehre verkommen. Wir werden zu Fachidioten ausgebildet", sind sich die drei einig. Therese und Steffen sind Gründungsmitglieder der "Gesellschaft für Plurale Ökonomik", welche im Jahr 2014 ins Leben gerufen wurde. Auf der Uni sind Studierende der Initiative seither als "Pluralos" bekannt. Eingebettet ist diese Vereinigung in ein weltweites Studierenden-Netzwerk, das sich über 19 Länder weltweit erstreckt. Ziel war und ist es, eine größere inhaltliche Vielfalt in das Volkswirtschaftsstudium zu bekommen und sich wieder mehr mit realen Problemen zu beschäftigen.

"Es geht um Menschen,
nicht um Zahlen"

"Viele junge Menschen auf der ganzen Welt haben damals aufgrund der Krise begonnen, Volkswirtschaftslehre zu studieren. Im Studium musste man dann aber schnell feststellen, dass die Wirtschaftskrise oder das Thema Ungleichheit im Studium gar nicht wirklich vorkommen", so Therese, die ihren Bachelor und Master in Volkswirtschaftslehre an der Uni Wien absolviert hat. Vero ist noch mitten in ihrem Master, sie belegt den Studiengang "Socio-Ecological Economics and Policy" (SEEP) an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien. In ihrem Master kommen viele Sozial- und Umweltthemen vor, Kritik äußert aber auch sie: "Die Wirtschaftswissenschaft hat sich inhaltlich und methodisch eingebunkert." Der Vorwurf lautet, dass Ökonomen sämtliche Fragen mit mathematischen Modellen beantworten wollen. "Letztendlich geht es in der Ökonomie aber um Menschen, nicht um Zahlen", pflichtet Therese bei. Steffen, aktuell Doktorand in Budapest, war ebenfalls an der WU und hatte zuvor Volkswirtschaftslehre in Deutschland studiert. "Ökonomen sollten einen kritischen Beitrag für die Gesellschaft liefern und sich auch ihrer Verantwortung bewusst sein. Wenn Ökonomen eine bestimmte Politik empfehlen, hat das schließlich oft auch Konsequenzen für viele Menschen", so Steffen. Darauf werde man aber im Studium überhaupt nicht vorbereitet. Vor allem Studienanfänger im Bachelor würden fast nie mit kritischen Inhalten in Berührung kommen.