Wien. Die Wirtschaft wächst, und die Arbeitslosigkeit sinkt seit mehr als einem Jahr stetig. Zuletzt sogar bei den Älteren, wenn auch minimal. Ende Oktober gab es laut Arbeitsmarktservice zwar um 0,7 Prozent weniger Arbeitslose unter den über 50-Jährigen als im Vorjahresmonat - im Vergleich dazu waren jedoch insgesamt um 4,6 Prozent weniger Personen ohne Job.

Dass die Arbeitslosigkeit unter den Älteren nun nicht mehr steigt - im Oktober vor fünf Jahren lag die Steigerung noch bei 10,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat -, führt Sozialminister Alois Stöger neben der positiven Konjunktur auch auf die gesetzten Maßnahmen zurück. Zu diesen zählt zum Beispiel die zweijährige EU-Kampagne "Gesunde Arbeitsplätze - für jedes Alter", die im Mai 2016 startete.

2030 fast ein Drittel der Berufstätigen 55- bis 64-jährig


Insgesamt 36 Länder sind daran beteiligt, in Österreich koordiniert das Sozialministerium mit Sozialpartnern, Sozialversicherungsträgern und Experten die Aktion. 50 Informationsveranstaltungen fanden bereits statt. Am Mittwoch zog Stöger eine Zwischenbilanz.

"In zehn bis 15 Jahren werden 30 Prozent der Erwerbsbevölkerung in vielen europäischen Ländern 55 bis 64 Jahre alt sein", sagte er eingangs und bezog sich dabei auf eine Studie der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz. Diese Entwicklung sei unausweichlich, die Frage nach altergerechten Arbeitsbedingungen daher dringlicher denn je. Von diesen profitierten freilich auch die 18-Jährigen oder Praktikanten.

Im Zuge der EU-Kampagne habe man bis jetzt rund 35.000 Arbeitgeber mit dem Thema in Kontakt gebracht, sagte dazu Helmut Köberl, Generaldirektor der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt AUVA. In etwa 14.200 Betrieben seien Maßnahmen gesetzt worden. Diese betreffen laut Köberl - grob umrissen - die Bereiche Sehen, Stress, Arbeitszeitgestaltung und Kraft. Konkret bedeute das, dass zum Beispiel Beleuchtungen aufgrund des geringeren Sehvermögens verbessert, die Arbeitsverteilung im Team verlagert und Teilzeitangebote maßgeschneidert werden. Der Bereich Kraft betreffe vor allem manuelle Arbeit, für deren Erleichterung etwa Hebehilfen zum Einsatz kommen.

In der Bäckerei Schrott in Wien sieht das in der Praxis so aus, dass die Mitarbeiter das Mehl nicht mehr in Säcken schleppen, sondern dieses über Rohre in die Backstube geleitet wird. "Dadurch lernen auch die Jungen, körperschonend zu arbeiten", sagte Eva Schrott. In der Konditorei arbeite man mit verschiedenen Tischhöhen, um Rückenschmerzen vorzubeugen.

Was die Durchmischung Älterer und Jüngerer bringt? "Ältere helfen durch ihr wertvolles Fachwissen, und Jüngere nehmen ihnen die körperlich schwere Arbeit ab", sagt Schrott. Davon profitierten beide Seiten -Arbeitnehmer und Unternehmen. Dass die Älteren öfter in Krankenstand seien, merke sie nicht, ganz im Gegenteil.

Das Senioritätsprinzip
wird zunehmend abgebaut


Bleibt noch das - in vielen Fällen schlagende - Argument, dass Ältere den Unternehmen für gewöhnlich teurer als Jüngere kommen. "Gehaltskurven werden im Kollektivvertrag festgelegt", sagte dazu Stöger. Das Senioritätsprinzip werde zunehmend abgebaut. Umso wichtiger sei es aber auch, dass die künftige Regierung die Aktion 20.000 weiterführe. Mit dem rund 780 Millionen Euro teuren Beschäftigungsprogramm für Langzeitarbeitslose über 50 Jahren, das heuer beschlossen wurde und seit Anfang Juli läuft, sollen bis 2019 rund 20.000 kollektivvertraglich entlohnte Arbeitsplätze für ältere Langzeitarbeitslose geschaffen werden. Das von der Regierung im Oktober 2015 beschlossene Bonus-Malus-System für die Beschäftigungsförderung älterer Arbeitnehmer wurde allerdings nicht eingeführt, weil die anvisierten Beschäftigungsquoten per Ende Juni 2017 übertroffen wurden.

Auch die Wirtschaftskammer habe sich zum Ziel gesetzt, Unternehmer über den Erhalt von Gesundheit und Arbeitsfähigkeit durch entsprechende Arbeitsbedingungen für alle Generationen zu informieren, sagt Martin Gleitsmann, Leiter der Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit, zur "Wiener Zeitung". Für Langzeitarbeitslose gebe es zum Beispiel "interessante Förderungsmodelle" des AMS und Eingliederungsbeihilfen. Bei den Diskussionen über ältere Arbeitnehmer dürfe man nicht übersehen, dass diese in großer Zahl in Betrieben beschäftigt seien -sobald jemand seinen Job verliert, sei es aber freilich schwierig, einen neuen zu finden.