Wien. (jm) Hunderte Frauen aus Ostereuropa kümmern sich hierzulande um Pflegebedürftige. Rund um die Uhr, unterbezahlt und unversichert. Die Frauen, selten Männer, arbeiten in Privathaushalten. Sie gehen einkaufen, kochen, geben Tabletten aus und sind nicht zuletzt auch Gesprächspartner, sofern sie die Sprache beherrschen und die Harmonie im Haushalt stimmt.

Das alles tun sie weitgehend ohne Kontrolle, sagte Volksanwalt Günther Kräuter am Dienstag bei einer Pressekonferenz. Auch über mangelnde Qualifikation des Betreuungspersonals und Vernachlässigung bis hin zu Übergriffen werde der Volksanwaltschaft berichtet. Andererseits würden aber auch Pflegerinnen oft unter falschen Voraussetzungen nach Österreich gelockt und von Agenturen ausgenutzt, sagte Anja Silberbauer, Geschäftsführerin der "Harmony & Care", das Pflegerinnen aus dem Ausland testet. Sie sprach von einem Schwarzmarkt mit gefälschten Pflegezertifikaten, die eine Ausbildung angeben, aber nicht kontrolliert werden.

Wachsende Lücke

Die Osteuropäerinnen füllen eine Versorgungslücke, die in den nächsten Jahren durch den demografischen Wandel immer größer werden wird. Aber die Gesellschaft in Österreich wird in den nächsten Jahrzehnten nicht nur deutlich älter, auch die Zahl der Alleinlebenden im hohen Alter steigt (vorwiegend Frauen durch die höhere Lebenserwartung) und gleichzeitig werden die Familienangehörigen weniger, die ihre betagten Eltern pflegen könnten. Das hat wohl auch damit zu tun, dass sich auch das Familienbild verändert hat: Heute bekommen Paare weniger Kinder, Frauen stehen stärker im Berufsleben und Familien leben selbst am Land immer seltener generationenübergreifend gemeinsam im selben Haushalt.

Außerdem möchten Menschen ihre Betreuung im Alter heute aktiver mitgestalten. Sie wollen entweder in eigenen vier Wänden oder in individuellen Wohneinheiten leben, jedenfalls nicht in Senioren- oder Pflegeheimen. Das zeigt eine Studie des Market Instituts, über die das Ö1 am Dienstag berichtete. Viele haben vor allem Angst vor Vereinsamung.

"Wohlfahrtsmix" als Vorschlag

Die osteuropäischen Pflegerinnen füllen aber auch eine finanzielle Lücke für jene Menschen, die sich keine offizielle 24-Stunden-Hilfe leisten können und daher auf dem prekären Arbeitsmarkt, vorwiegend über Internetagenturen, Hilfskräfte anheuern.

Gerade weil die Ressourcenfrage in der Pflege wichtiger wird, sieht Volksanwalt Günther Kräuter Handlungsbedarf. Er plädierte für einheitliche Qualitätskriterien, verstärkte Kontrollen und eine bessere Finanzierung. Kräuter forderte verbindliche Qualitätskriterien für die derzeit 763 Agenturen in Österreich. Diese sollten Ausbildung, das Sprachniveau oder die Arbeitsbedingungen regeln. Außerdem sollte es aus Sicht des Volksanwalts unangekündigte Überprüfungen im Bereich der 24-Stunden Betreuung geben. Diese könnten von Hausärzten oder der Patientenanwaltschaft organisiert und an die Förderung und das Pflegegeld geknüpft werden. Selbiges forderte Kräuter für den Pflegefonds. Schließlich bekräftigte der Volksanwalt auch die Forderung nach einer jährlichen Valorisierung des Pflegegeldes, das seit Einführung bereits einen Wertverlust von mehr als 30 Prozent erlitten hat. Um den Pflegebedürftigen einen besseren Überblick über die Agenturen und deren Angebote zu geben, traten sowohl Silberbauer als auch der Soziologe Franz Kolland für mehr Transparenz ein. Silberbauer plädierte für ein Ranking zur Bewertung mobiler Dienste und eine staatlich geführte Datenbank. Kolland sagte, dass Pflege und Betreuung nicht allein auf staatliche Basis möglich sei. Der Altersexperte trat für einen "Wohlfahrtsmix" ein, für ein Zusammenspiel von Staat, sozialen Dienstleistern und Unternehmen, den Angehörigen und den Hochaltrigen selbst.

Sowohl Silberbauer als auch Kolland waren sich einig, dass es mehr Individualisierung, auf der Patienten- wie auch auf der Betreuerseite braucht. Die Menschen wollten sich ihre Wohn- und Betreuungsform aussuchen können. Kolland forderte eine weitere Differenzierung der Pflegeformen und den Ausbau alternativer Wohnformen. Silberbauer hat mit ihrer Firma "Harmony & Care" unter wissenschaftlicher Begleitung ein System entwickelt, mit dem Pflegepersonal und pflegebedürftige Personen mittels Fragebögen besser aufeinander abgestimmt werden können.