Wien. Es ist ein kleines Handelsunternehmen in Graz, das eigentlich im Sommer Hauptsaison hat: Makava Eistee. Trotzdem haben über die Weihnachtsfeiertage nicht alle der zehn Mitarbeiter frei, "es schaut auch jemand über die Feiertage in die Mails, ob Bestellungen von großen Einzelhandelszentralen reinkommen", sagt Agnes Fogt. Auch die Marketing-Mitarbeiterin selbst wird ein Imagevideo zu den neuen Flaschen schneiden.

"Bei uns kann man sich die Arbeitszeit sehr flexibel einteilen, mal länger während eines Projekts arbeiten, es dafür die Tage danach lockerer angehen", sagt Fogt. Die Mitarbeiter im Unternehmen haben Arbeitsverträge über 38,5 Stunden, müssen aber nur 30 Stunden einbringen, können Stunden darüber als Gleitzeit geblockt später abbauen, wie das manche Vertriebler nun zu Weihnachten machen. Man hat laut Fogt "vermutlich ein niedrigeres Lohnniveau" als Mitarbeiter mit vergleichbaren Tätigkeiten in anderen Unternehmen.

Trotz Arbeit zu Weihnachten und weniger Geld sind die Mitarbeiter zufrieden, die Eigentümer und Geschäftsführer auch, gemeinwohlorientiert wächst man dezent und erwirtschaftet kleine Gewinne - und für die Volkswirtschaft bringt Arbeit dieser Art ebenfalls einen Mehrwert.

Arbeitszeit neu erfinden

Stefanie Gerold, heute Ökonomin und Sozialwissenschafterin an der Wirtschaftsuniversität Wien, hat solche innovativen Arbeitszeitmodelle gemeinsam mit Michael Soder und Michael Schwendinger analysiert. Sie kommt zum Schluss: "Wenn Mitarbeiter dabei Mitbestimmungsrecht haben und neue Arbeitszeitmodelle vorsichtig ausprobiert werden, sind später alle begeistert, auch wenn das bedeutet, zumindest teilweise auf Lohn zu verzichten."

Das sei nicht nur in kleinen Start-ups wie Makava so, sondern auch in großen Industriebetrieben. So zum Beispiel bei Borealis, dem Linzer Chemieunternehmen mit derzeit rund 1200 Mitarbeitern. Dort war die hohe Arbeitsbelastung durch Schichtarbeit über sieben Tage rund um die Uhr Ursache dafür, ein neues Modell zu wählen. Das brachte für 90 Prozent der Mitarbeiter längere Freizeitblöcke und die Arbeitszeit wurde von 38 auf 34,4 Stunden reduziert, bei halbem Lohnausgleich.

Trotzdem funktionierte es bei Borealis: "Der Konzern findet viel leichter qualifiziertes Fachpersonal als andere. Die anderen Unternehmen im Chemiepark in Linz mussten sogar trotz höherer Löhne nachziehen und das Modell übernehmen, um kein Personal zu verlieren", sagt Gerold. Und bei den Mitarbeitern? "Die Arbeitszufriedenheit ist gestiegen, man muss die längeren Freizeitblöcke nicht nur fürs Schlafen nutzen, sondern für das soziale Leben", sagt Gerold: "Das senkt auch die Scheidungsraten, die bei Schichtarbeit sehr hoch sind."