Im darauffolgenden August wurden die Asylanträge erstmals vom Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA) abgewiesen. Die Familie scheiterte auch in zweiter Instanz vor dem Bundesverwaltungsgericht. Nach jahrelangem Kampf mit den Behörden stellten sie im August 2016 Anträge auf Bleiberecht wegen guter Integration nach §55 des Asylgesetzes. Die letzte Chance, in Österreich bleiben zu können. Dann passierte lange nichts.

Vorbildliche Schüler

Doch die Familie blieb voller Hoffnung und baute sich in Wien ein neues Leben auf. Der 49-jährige Roman Tikaev engagierte sich ehrenamtlich bei der Wiener Tafel. Er lieferte mit einem Kleinlaster unverkäufliche Lebensmittel an soziale Einrichtungen wie dem Frauenhaus aus. "Die Arbeit verrichtete er zu meiner vollsten Zufriedenheit", schreibt ein Kollege in einem Bestätigungsschreiben. "Da Tikaevs Deutschkenntnisse so gut waren, konnte er auch Bestellungen telefonisch aufnehmen." Eine Firma, die Tankwagen reinigt, sagte Tikaev mehrfach einen Job zu - sollte Bleiberecht bewilligt werden. 1089 Euro hatte die Familie jeden Monat aus der Grundversorgung zur Verfügung. Nicht viel für sechs Menschen, aber die Tikaevs waren zufrieden.

Familie Tikaev musste ihre Wohnung verlassen und lebt seit zweitem Jänner in einem Baucontainer. - © GREGOR KUNTSCHER
Familie Tikaev musste ihre Wohnung verlassen und lebt seit zweitem Jänner in einem Baucontainer. - © GREGOR KUNTSCHER

Die Kinder besuchten sechs Jahre lang Schulen in Wien. Alikhan, 12, ging trainieren: Fußball, Faustball und Ringen sind seine Leidenschaft. "Er war zu 100 Prozent integriert und einer meiner besten Schüler", sagt ein Lehrer, der nicht namentlich genannt werden möchte. Die 16-jährige Arina ließ sich in der Islamischen Fachschule für Soziale Bildung zur Kindergartenhelferin ausbilden. "Sie ist gut integriert, sie spricht gut Deutsch", sagt Zeynep Elibol, die Direktorin der Schule. "Hier hat sie bessere Chancen als in Tschetschenien." Amirkhan, 14, ging auf die Europaschule in der Deublergasse. "Amirkhan ist sehr brav, höflich und lernt viel. Solche Kinder wünschen wir uns", sagt Direktor Christian Klar. Auch die 11-jährige Amina spricht fließend Deutsch. Sie besuchte ein College für Berufsorientierung in der Adolf-Loos-Gasse.

Banges Warten

In den vergangenen eineinhalb Jahren wartete die Familie sehnsüchtig auf einen gesetzeskonformen Termin bei der Behörde – wie im Ermittlungsverfahren üblich. Sie wollte ihre Integrationserfolge aufzeigen. Ihr Rechtsanwalt Christian Schmaus musste sie jedoch immer wieder vertrösten. Der Ball läge nun beim BFA. Doch die Behörde schwieg.

Am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien verabschiedeten sich die Kinder von ihren Schulkollegen. Sie wünschten sich frohe Weihnachten, freuten sich auf die Feiertage. Dass sie nicht mehr in die Schule zurückkehren werden würden, ahnte damals noch niemand. Doch am 28.12.2017 lag ein Brief des Bundesamts für Fremdenwesen und Asyl (BFA) im Briefkasten. Darin fand sich sowohl die Einladung zur Einvernahme als auch der Mandatsbescheid. Innerhalb von drei Tagen musste die Familie ihre Wohnung verlassen und sich im Grundversorgungsquartier Henry Dunant, dem sogenannten "Abschiebezentrum", einfinden. Am 2. Jänner 2018 wurde sie von der ORS, einer privaten Firma für Flüchtlingsbetreuung, nach Schwechat gebracht. Dort wartet sie nun auf ihre Abschiebung.