Wien. Gibt es in Österreich zu wenige Kellner und Köche? Laut Gastronomie und Hotellerie ja, nach Zahlen des Arbeitsmarktservice (AMS) eher nein. Was ist ein Mangelberuf, wann dürfen ausländische Arbeitskräfte über die "Rot-Weiß-Rot-Karte" nach Österreich kommen? Die Sozialpartner fordern nun - nach den Auseinandersetzungen zwischen Regierung und SPÖ darüber - eine Reform der Mangelberufsliste.

Was die Frage nach Köchen und Kellnern betrifft, gibt es vom AMS folgende Zahlen: Im Dezember 2017 waren 5154 Kellner arbeitslos gemeldet - ihnen standen 2145 offene Stellen gegenüber. Ähnlich ist die Situation bei Kochgehilfen, wo 1713 arbeitslos gemeldet wurden, es aber nur 75 offene Stellen gab.

Als "Mangelberuf" gelten Jobs, bei denen für eine offene Stelle österreichweit maximal 1,5 qualifizierte Arbeitslose zur Verfügung stehen. Damit gelten Köche und Kellner nicht als "Mangelberufe", weil hier zwar in Westösterreich Arbeitskräfte fehlen, in Ostösterreich aber nicht. Insbesondere die Tourismus-Branche fordert daher eine "Regionalisierung" der Mangelberufsliste, damit auch Engpässe in einzelnen Regionen abgedeckt werden können. Das wiederum lehnt die Arbeiterkammer (AK) ab. Sie fordert vor der "Regionalisierung" der Mangelberufsliste eine grundsätzliche Reform dieses Zuwanderungsmodells. Auch die Wirtschaftskammer ist für Gespräche offen, sie sieht den Ball aber bei der Regierung.

SPÖ warnt von
150.000 Zuwanderern


Die Warnung der SPÖ vor 150.000 zusätzlichen Zuwanderern durch die Regierungspläne können allerdings weder AK noch AMS nachvollziehen. AMS-Chef Johannes Kopf bezeichnete die Zahl von 150.000 am Dienstag in der "ZiB 2" als deutlich zu hoch gegriffen. Immerhin rechnet Kopf allerdings damit, dass bei der von der Regierung geplanten Regionalisierung der "Mangelberufsliste" einige tausend Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Ländern mehr pro Jahr kommen könnten.

Das wäre zwar deutlich weniger als von der SPÖ befürchtet, aber mehr als derzeit. Denn laut Zahlen des Sozialministeriums wurden seit der Einführung des Systems 2012 insgesamt nur 1719 "Rot-Weiß-Rot-Karten" für "Mangel-Arbeitskräfte" aus Nicht-EU-Ländern genehmigt. Zuwanderer aus EU-Staaten brauchen ja keine Genehmigung.

Zuletzt wurde die "Mangelberufsliste" von SPÖ-Sozialminister Alois Stöger erweitert - von elf Berufen 2017 auf 27 Berufe im heurigen Jahr. Darunter sind u.a. Fräser für die Metallindustrie, Schwarzdecker für die Bauwirtschaft und EDV-Absolventen.

Im Regierungsprogramm ist die Reformankündigung vage. "Neuausrichtung der ,Rot-Weiß-Rot-Karte‘ an den Bedürfnissen der heimischen Wirtschaft", heißt es da. Außerdem soll die Liste überarbeitet werden, damit sie die "regionalen Arbeitsmarktgegebenheiten berücksichtigt".

Die SPÖ befürchtet, dass es mit einer Regionalisierung 63 statt 27 Mangelberufe geben würde und dass damit pro Jahr 17.000 bis 20.000 zusätzliche Zuwanderer ins Land kommen könnten, dazu noch rund 500 weitere Saisonarbeitskräfte. In fünf Jahren wären das rund 100.000 Personen. Weitere knapp 50.000 Zuwanderer seien durch die ohnehin schon bestehenden Regelungen zu erwarten, denn in den letzten fünf Jahren seien rund 46.000 Personen über die "Rot-Weiß-Rot-Karte" und die weiterführende "Rot-Weiß-Rot-Karte plus" ins Land gekommen. Die Zuwanderer mit der "Rot-Weiß-Rot-Karte plus" habe aber nichts mit der Mangelberufsliste zu tun, sagt die WKO.

Die ÖVP weist die Zahlen als "Angstmache" zurück. Außerdem seien die Modalitäten der "Regionalisierung" noch gar nicht geklärt.

AK-Experte: Reform
nach deutschem Vorbild


AK-Arbeitsmarktexperte Gernot Mitter plädiert für eine Totalreform der "Mangelberufsliste". Denn einen "Mangelberuf" allein daran festzumachen, dass auf eine offene Stelle weniger als 1,5 Jobsuchende kommen, sei "willkürlich". Stattdessen plädiert Mitter für eine Reform nach deutschem Vorbild. Dort werde nämlich auch berücksichtigt, ob die Löhne steigen und ob die Branche ausreichend Lehrstellen anbietet. Erst wenn beides zutrifft und Jobangebote trotzdem monatelang offen bleiben, könne man von einem Fachkräftemangel sprechen. "Dann hätten wir auch kein Problem mit einer regionalen Betrachtung", betont Mitter.