Wien/Schwechat. Die sechsköpfige Familie Tikaev ist Dienstagnachmittag mit 25 anderen russischen Staatsangehörigen in einem Charterflug nach Moskau abgeschoben worden. Sie wurden von Menschenrechtsbeobachtern, einem Dolmetscher und einer Ärztin begleitet. Es war die dritte Abschiebung dieses Jahres und die erste Abschiebung nach Russland.

Die Tikaevs wurden Samstagnachmittag in ihrer Containerunterkunft in Schwechat festgenommen. Ein Zivilbus brachte die Familie zum Flughafen, wo sie bis zur Abschiebung im Sicherheitsbereich festgehalten wurden.

Der Kontakt zur Familie riss Samstagnachmittag ab. Der Rechtsanwalt der Familie, Christian Schmaus, wusste bis Samstagabend nicht, wo sich die Familie befindet. "Ich habe über Stunden hinweg keine Auskunft über den Verbleib meiner Mandaten bekommen", sagt Schmaus. Zunächst wurde vermutet, dass die Familie in ein Schubhaftzentrum in Wien gebracht wurde.

"Ich weiß auch nicht, auf welcher rechtlichen Basis die Tikaevs festgenommen wurden", sagt Schmaus. Das Vorgehen der Behörden sei verwunderlich, damit werde das Recht der Familie auf Rechtsbeistand beschnitten. Bildungsexperte Daniel Landau ist empört: "Das Kindeswohl wurde grob missachtet. Man hat den Kindern den Schulbesuch verunmöglicht, obwohl die akzentfrei Deutsch sprechen", sagt Landau zur "Wiener Zeitung".

Eine Online-Petition gegen die Außerlandesbringung der Familie hat bis dato mehr als 3000 Unterschrift gesammelt. Die Petition richtet sich an Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Innenminister Herbert Kickl (FPÖ).

Die Tikaevs mussten Anfang des Jahres ihre Wohnung der Volkshilfe in Floridsdorf verlassen. Seit 2. Jänner waren die Eltern und die vier Kinder in einer Containerunterkunft in Schwechat untergebracht -  die "Wiener Zeitung" berichtete. Sie durften den Bezirk Schwechat nicht verlassen. Die Kinder durften nicht mehr am Schulunterricht in Wien teilnehmen - trotz guter Deutschkenntnisse.

Dies brachte Wiens Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou (Grüne) auf den Plan. Sie besuchte am Donnerstag die Familie in Schwechat und forderte die Behörden auf, den Kindern den Schulbesuch wieder zu ermöglichen. Es würde den Tatbestand der Kindeswohlgefährdung erfüllen. Vassilalkou drohte mit einer Anzeige in der kommenden Wochen bei Bezirks- und Pflegegericht, sowie bei der Kinder- und Jugendanwaltschaft.

Seit 2011 in Österreich



Familie Tikaev lebt seit 2011 in Österreich. Ihren Asylantrag stellte sie noch am Tag ihrer Einreise. Doch er wurde im Oktober 2015 abgelehnt. Im August 2016 stellte die Familie einen Antrag auf Bleiberecht nach §55 Asylgesetz - sie war inzwischen gut in Österreich integriert. Die Kinder gingen auf Schulen in Wien, der Vater engagierte sich ehrenamtlich bei der Wieder Tafel. Er spricht wie die Kinder fließend Deutsch auf Niveau B2 (Staatsbürgerschaftsniveau für die verkürzte Einbürgerung) und hatte einen Job bei einer Reinigungsfirma in Wien in Aussicht.

Ihr Antrag aus dem Jahr 2016 wurde eineinhalb Jahre vom Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA) nicht bearbeitet. Am 28. Dezember erhielt die Familie Mandatsbescheide. Sie sollten sich innerhalb von drei Tagen in der Grundversorgungsstelle Schwechat einfinden und dort auf ihre Rückreise warten. Am 3. Jänner war die Familie zur ersten Einvernahme beim BFA erschienen. Das Bleiberechtsverfahren ist bis dato nicht beendet.