Wien. Am Abend des 11. März 1938 hat der damalige christlichsoziale Bundespräsident Wilhelm Miklas nach dem Rücktritt von Bundeskanzler Kurt Schuschnigg auf Druck des Hitler-Regimes in Deutschland den Nationalsozialisten Arthur Seyß-Inquart zum österreichischen Bundeskanzler ernannt. Dessen erste Amtshandlung war die Vorlage des Anschlussgesetzes. Noch vor dem Einmarsch deutscher Einheiten lösten also österreichische Nazis das austrofaschistische Ständestaatsregime ab, das Engelbert Dollfuß 1933 nach der Ausschaltung des Nationalrats begründet hatte. Ab dem 12. März 1938 haben Wehrmacht-, SS- und Polizeieinheiten, die unter Jubel der österreichischen Bevölkerung einmarschiert sind, das Kommando übernommen. An deren Spitze stand Adolf Hitler selbst.

100 Jahre Republik - Logo - © Wiener Zeitung
© Wiener Zeitung

Die neue österreichische NS-Regierung hatte rasch gehandelt und das Bundesverfassungsgesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich - selbstverständlich ohne Parlament, das es ja nicht mehr gab - noch am 13. März in Kraft gesetzt. Damit endete die rechtliche Existenz des austrofaschistischen Österreich.

Gerhard Botz hat die Entwicklung der Zeitgeschichte begleitet. - © pech
Gerhard Botz hat die Entwicklung der Zeitgeschichte begleitet. - © pech

Was danach folgte, ist noch immer Teil der zeitgeschichtlichen Aufarbeitung. Das Bild Österreichs als erstes Opfer des deutschen Nationalsozialismus wurde sehr lange aufrechterhalten.

Es ist der Moskauer Deklaration von 1943 geschuldet, einer Erklärung der Außenminister Großbritanniens, der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten, in der es heißt, "dass Österreich, das erste freie Land (war), das der typischen Angriffspolitik Hitlers zum Opfer fallen sollte, von deutscher Herrschaft befreit werden soll. Sie betrachten die Besetzung Österreichs durch Deutschland am 15. März 1938 als null und nichtig." Darauf baute die Opferthese und historische Auseinandersetzung der Zweiten Republik zumindest bis in die 1990er Jahre.

Es braucht 20 Jahre, bis sich eine Erkenntnis manifestiert

Obwohl es schließlich 1986 - immerhin 41 Jahre nach Kriegsende - im Zuge der sogenannten Waldheim-Affäre zu bröckeln begann. Es braucht etwa 20 Jahre, bis ein nicht mehr zeitgemäßer Ausdruck dann tatsächlich auch aus den Köpfen der Menschen entfernt werden kann, sagt Gerhard Botz, einer der Väter der österreichischen Zeitgeschichte im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Beziehungsweise, bis das neue Denken in den Köpfen verankert ist.

Und er führt ein aktuelles Beispiel an: Die Burschenschafter und jene Teile von ihnen, die noch immer rassistisches und antisemitisches Liedgut in ihren Reihen haben. "Es wird Rechtfertigungsversuche, Schönredereien, Lügen geben, aber die derzeitige Debatte wird auch einen Umdenkprozess einleiten", sagt Botz. "Jetzt erfahren diese Burschenschafter, dass sie ihre Worte kontrollieren müssen, wenn sie Funktionen in der Regierung oder in Kabinetten übernehmen. In 20 Jahren werden sie sich daran gewöhnt haben, dass sie nicht erwähnen dürfen, was sie jetzt noch sagen."