Wien. (temp) Zweimal täglich - um 12.30 Uhr und um 18.30 Uhr - sind seit gestern bis November auf dem Wiener Heldenplatz ungewohnte Klänge zu hören. Klänge von unterschiedlich hoch mit Wasser gefüllten, kristallenen Weingläsern, an deren Rändern die Künstlerin Susan Philipsz mit dem Finger entlanggefahren ist. Die Höhe des Wasserspiegels bestimmte dabei die Höhe des entstandenen Tons.

Die schottische Künstlerin und Turner-Preisträgerin Philipsz, die diese Klanginstallation "The Voices" im Rahmen eines Projektes des Hauses der Geschichte Österreich entwickelt hat, erzeugt damit Klänge, die sich ineinander verschieben, verschmelzen und dennoch eine gewisse Spannung entstehen lassen. Sie sollen an menschliche Stimmen erinnern, die mit der Geschichte des Heldenplatzes eng verbunden sind: Am 15. März vor 80 Jahren drängten sich rund 250.000 Menschen auf ihm, um die Rede Adolf Hitlers zum "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich zu hören.

Die Position der vier Lautsprecher der Installation 80 Jahre danach sind ganz bewusst gewählt: Die Klänge ertönen zwischen der Neuen Burg und den Pavillons des Parlaments - architektonische Kontrapunkte, die als entgegengesetzte Symbole gelesen werden können. Die Neue Burg auf der einen Seite, von dessen Balkon im ersten Obergeschoß aus Hitler am 15. März sprach, und die Pavillons des Parlaments auf der anderen Seite, die als Symbole der Demokratie und der offenen Gesellschaft gelesen werden können. Der so entstehende Klangraum soll Raum für Erinnerungen und Emotionen schaffen.