Noch schärfer formulierte es Andrea Brunner, die SPÖ-Vize-Bundesgeschäftsführerin: "Wir werden dem Paradigmenwechsel nicht kampflos zustimmen", meinte sie als Keynote-Rednerin in Vertretung des verhinderten SPÖ-Chefs Christian Kern. Eigentlich sollten fürs Wohnen nicht mehr als 25 Prozent der verfügbaren Einkommen aufgehen, sagte sie, tatsächlich seien es aber schon rund 40 Prozent, was vor allem junge Menschen vor Probleme stelle. Vorsorgewohnungen würden nur Geld binden und den verfügbaren Wohnraum verknappen, meinte sie und erteilte auch den Mietkauf-Ideen der Regierung eine Absage. Nötig sei vielmehr ein Grundstückspreisdeckel, eine Baulandmobilisierung und dabei die Absicherung des sozialen Wohnbaus als eigene Widmungskategorie.

"Markt ist nicht in der Lage, Wohnungsversorgung zu gewährleisten"

Der Markt sei nicht in der Lage, die Wohnungsversorgung zu gewährleisten, das gelte zumindest für die Städte, meinte Kurt Stürzenbecher, Wohnexperte der SPÖ in Wien. Am freien Markt gebe es immer mehr Kurzfristmieten - bei den bis zu zwei Jahren laufenden seien die Nettomieten mit 6,8 Euro pro Quadratmeter spürbar höher als die 5,4 Euro pro Quadratmeter im Gesamtschnitt; hinzu kämen noch 2 Euro je Quadratmeter an Betriebskosten.

Der neuen Regierung warf er in Vertretung des Wiener Wohnbaustadtrats Michael Ludwig vor, sie wolle den sozialen Wohnbau für die Mittelschicht uninteressant machen und diese Gruppen den privaten Vermietern zuführen. Auch die im Koalitionsprogramm angedachten Einkommenskontrollen im geförderten Sektor, um dann allenfalls höhere Mieten vorzuschreiben, sollten "Gewinne für neoliberale Kräfte generieren". Das wäre ungerecht, so Stürzenbecher: Auch von Menschen in geförderten Eigenheimen am Land verlange man nicht, dass sie später ausziehen sollen, wenn sie mehr verdienen.

"Schatten der neoliberalen Politik legt sich auf deutsche Großstädte"

"Der Schatten der neoliberalen Politik legt sich jetzt auf die deutschen Großstädte", konstatierte der Wohnungsexperte Andrej Holm von der Humboldt Universität Berlin nach umfangreichen Studien in der Hauptstadt und - für die Hans Böckler Stiftung - in 76 weiteren Städten. Sein Befund: "Die Großstädte sind auf dem Weg in eine Wohnungskrise." Und unerwartet dabei: In Berlin sei gerade unter einer rot-roten Regierung (von der SPD und dem "Linken"-Vorläufer PDS) sehr viel verbockt worden, auf Bundesebene unter anderem im Jahr 1989 durch die Abschaffung der Wohnungsgemeinnützigkeit. Ab 2005 hätten sich die Neuvertragsmieten von den relativ konstanten Bestandsmieten entkoppelt und würden seither in die Höhe schießen. Das führe zu einer Immobilität der Menschen: "Niemand zieht mehr aus, weil eine neue 2-Zimmer-Wohnung teurer ist als eine alte 4-Zimmer-Wohnung, auch wenn diese für eine Person allein zu groß geworden ist." Das stelle für neue Mieter eine besondere Hürde dar.

Der wahre Preistreiber seien die explodierenden Kaufpreise für bebaute Grundstücke - denn der Handel damit biete sehr hohe, ungebremste Rendite-Optionen. Obwohl dadurch keine einzige neue Wohnung entstehe, konzentriere sich ein großer Teil der Transaktionen mit Wohnimmobilien genau darauf, so Holm. Deren Preisanstieg erfolge wegen der sehr hohen Ertragserwartungen. Die Folge sei, dass 2007 noch 36 Prozent der Berliner Wohnungen eine "angemessene Miete" aufgewiesen hätten, 2015 nur noch 4,5 Prozent.