In wiefern?

Die Anwerber kennen ihre Subkulturen immer besser. Der "Islamische Staat" (IS) hat hier sicher eine Pionierrolle eingenommen. Aber auch "Identitäre" und die amerikanische "Alt Right"-Bewegung nutzt die Informationen, die ihnen zur Verfügung stehen, immer effektiver. Sie nutzten den digitalen Raum nicht nur als Rekrutierungsplattform, sondern gewinnen auch Daten, die sie strategisch interpretieren.

In Österreichs Twitter-Blase werden "Identitäre" aber rasch bemerkt - und ausgeschlossen.

Mag sein. Viel interessanter sind aber die Strategien der "Identitären", Themen und Propaganda immer stark an den lokalen Kontext anzupassen. Das heißt, sie sprechen gezielt jene Themen an, die in einem bestimmten geografischen Raum aktuell die Diskussion dominieren. Die "Identitären" versuchen ja gerade, im Vereinigten Königreich eine Zweigstelle aufzubauen. Bei der Rekrutierung waren sie dort direkt nach den Londoner Terroranschlägen besonders erfolgreich, als sie voll auf das Thema islamistische Bedrohung gesetzt haben. In Irland, wo es auch Aufbauversuche gibt, müssen sie wiederum auf ganz andere Themenbereiche setzen - beispielsweise auf sozialen Themen.

Von Rechtsextremismus-Experten wissen wir, dass in klassischen Organisationsformen vor allem des Neonazismus in den Biografien von neuen Szenegängern sehr häufig massive Demütigungserfahrungen zu finden sind. Wie ist das bei Islamisten?

Ich spreche von einem "Radikalisierungscocktail": Was sich fast immer zeigt, ist eine Kombination auf Frustration und Ängsten. Soziale und ökonomische Ausgrenzungserfahrungen stoßen auf Identitätskrisen, beispielsweise was das eigene Bild von Männlichkeit betrifft. Motive von Stärke und Männlichkeit finden sich sehr häufig beispielsweise in der IS-Propaganda. Dazu kommen dann eben noch extra zugeschnittene Erzählungen, die auf die Frustrationserfahrungen abzielen. Der Überbau, die Ideologie, kommt erst ganz zum Schluss.

Wer sich viel mit den "Identitären" beschäftigt, weiß: Ihre Kader kommen meist aus bürgerlichem Hause, viele studieren oder sind Akademiker, häufig sind sie in schlagenden, deutschnationalen Verbindungen aktiv. "Abgehängte" sehen anders aus.

Wir dürfen nicht vergessen: Die "Identitären" sind eine Aktionsform. Sie sehen sich selbst ja als Elite, als Kader-Gruppierung und Vordenker. Auch die "Alt Right" setzt auf dieses Image. Es hat mich aber zugegebenermaßen erstaunt, dass sich auf beiden Seiten der Extreme sehr wohl auch gebildete Menschen anschließen. Vor allem die "Identitären" legen sehr viel Wert auf ihr Erscheinungsbild: Hip und jung wollen sie wirken, aber dennoch auch gediegen und bürgerlich. Menschen mit nierigerem Bildungsstand sind auch dabei, werden aber bewusst in der Minderheit gehalten.