Eine mit Kot beschmierte Eingangstür. Ein Moped ohne Luft in den Reifen. Spucke im Gesicht. All das hat die 42-jährige Sozialarbeiterin Andrea Bachleitner schon erlebt. Seit zehn Jahren ist ihr Arbeitsplatz ein mit bunten Graffiti besprühter Container in Wien-Liesing: Sie leitet einen Jugendtreff am Wiener Stadtrand. Doch einigen Anrainern wäre es am liebsten, die Jugendlichen würden verschwinden.

Industriegebiet, Friedhof, Autobahnauffahrt, Sonnenstudio. Supermarkt, Fast Food-Restaurant. Viel mehr hat die Gegend nicht zu bieten. Mit den Öffis ist Inzersdorf schwer erreichbar, kein Nachtbus fährt in die abgelegene Gegend.

Jugendtreff Pfarrgasse: Der Container sollte eigentlich ein Provisorium sein: Der Jugendtreff Pfarrgasse im 23. Bezirk steht seit zehn Jahren inmitten von Gemeindebauten. Jetzt soll derContainer für Renovierungsarbeiten weichen. Damit ist der einzige Treffpunkt für Jugendliche in der Gegend in Gefahr. - © Christoph Liebentritt

Jugendtreff Pfarrgasse: Der Container sollte eigentlich ein Provisorium sein: Der Jugendtreff Pfarrgasse im 23. Bezirk steht seit zehn Jahren inmitten von Gemeindebauten. Jetzt soll derContainer für Renovierungsarbeiten weichen. Damit ist der einzige Treffpunkt für Jugendliche in der Gegend in Gefahr.

- © Christoph Liebentritt

Der Jugendtreff Pfarrgasse entstand 2001 auf Initiative der Bezirksvorstehung des 23. Bezirks. Bis dahin gab es keine Räume für Jugendliche. Zuerst traf man sich in einem alten Supermarkt, seit 2008 gibt es den Container, der zuerst nur als eine Übergangslösung gedacht gewesen war. In eineinhalb Jahren endet der Mietvertrag – und wird nicht verlängert. Bei den Jugendlichen, viele von ihnen kommen täglich in den Jugendtreff, sorgt das für Verunsicherung.

Die 14- bis 18-Jährigen sitzen auf Sofas, hören Musik am Handy, trinken Himbeersaft und spielen Tischfußball. Ganz normale Teenager halt - würde man meinen. Doch im Grätzel sind sie zum Politikum geworden.

Regelmäßig kommt es zu Streit mit Anrainern der umliegenden Gemeindebauten. Insbesondere im Sommer fühlen sich diese durch den Lärm gestört. Sie rufen die Polizei, filmen die Jugendlichen und schicken die Videos an den Bezirksvorsteher. Doch stört die Bewohner des Gemeindebaus wirklich nur der Lärm?

Faruk und Deniz beim kickern im Jugendtreff Pfarrgasse in Wien-Liesing. - © Christoph Liebentritt
Farukund Deniz beim kickern im Jugendtreff Pfarrgasse in Wien-Liesing. - © Christoph Liebentritt

Bachleitner glaubt das nicht. Die Sozialarbeiterin beobachtet seit 2006 einen Anstieg der Beschwerden. Seither dürfen auch Nicht-EU-Ausländer im Gemeindebau wohnen. Damit hat sich die Zusammensetzung der Kids im Jugendtreff geändert.

Meist sind die Eltern oder Großeltern der Jugendlichen nach Österreich eingewandert, sie selbst sind fast alle in Österreich geboren. "Das sind ganz normale Jugendliche, das waren sie immer schon. Der einzige Unterschied ist, dass sie nicht mehr Patrick oder Kevin heißen", sagt Bachleitner und betont, mit Bezirk und Polizei gäbe es "ein gutes Einvernehmen".

Gerald Bischof, Bezirksvorsteher im 23. Bezirk, glaubt nicht an rassistische Motive: "Die Konflikte gab es von Anfang an, ich sehe da keinen Zusammenhang."

Auf dem Sofa in der Pfarrgasse: Betreuerin Andrea Bachleitner mit Anes (stehend) und Ahdam. Ahdam macht eine Lehre als KFZ-Mechaniker. - © Christoph Liebentritt
Auf dem Sofa in der Pfarrgasse: Betreuerin Andrea Bachleitner mit Anes (stehend) und Ahdam. Ahdam macht eine Lehre als KFZ-Mechaniker. - © Christoph Liebentritt

Karl Ceplak, Leiter des Fachbereichs Jugend der MA13, meint, dass es eine Mischung aus beidem ist und einige Anrainer sowohl der Lärm, als auch die Ethnie der Jugendlichen stört. Er sagt: "Im Umfeld von Kindergärten und Schulen gibt es immer wieder Beschwerden wegen Lärmbelästigung. Es gibt Menschen, die wollen zwar in Wien wohnen, aber das Ambiente eines Bauernhofes haben. Das geht nicht. Kinder dürfen selbstverständlich auch laut sein, es steht ihnen zu." Aber nicht nur die Lärmempfindlichkeit, auch der Alltagsrassismus nehme zu, sagt Ceplak: "Immer öfter kommt es zu Übergriffen, wenn Jugendliche nicht aussehen wie autochthone Österreicherinnen und Österreicher. Umso wichtiger ist es, genau diese Jugendlichen zu unterstützen." Mit der Empathie, die junge Menschen in Jungendeinrichtungen erfahren, ließen sich auch Sympathien für die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) abfangen, meint der Landesjugendreferent der Stadt Wien.

"Letztens hat jemand ‚Scheiß Flüchtling‘ zu mir gesagt. Ich bin aber kein Flüchtling, ich bin Österreicher", sagt Ahdam. Die Eltern des 16-jährigen sind in Ägypten geboren, er kam in Österreich zur Welt. "Es sind immer diese alten Leute. Wenn ich mich in der U-Bahn hinsetze, stehen sie auf und setzen sich weg." Ahdam mag aussehen wie ein harter Junge, aber man merkt, dass sich der KFZ-Lehrling das zu Herzen nimmt.

Diskriminierung schwächt die Demokratie

"Diskriminierung führt dazu, dass sich Jugendliche nicht zugehörig fühlen", erzählt Bachleitner. 2017 erlebte die Sozialarbeiterin im Jugendtreff zunehmend antidemokratische Tendenzen. "Es hieß ‚wählen ist haram‘, Sünde, also verboten, oder ‚Demokratie ist im Islam nicht erlaubt‘." Auch mit dem IS sei sympathisiert worden.

Diesem Denken wollten sie und ihr Team etwas entgegensetzen. Sie organisierten im Wahljahr 2017 etliche Workshops zum Thema politische Bildung und Demokratie. Unter anderem gab es ein Zivilcourage-Training mit dem "Mauthausen Komitee" (MKÖ), dem Zusammenschluss der in Österreich verbliebenen Überlebenden des KZ-Mauthausen, und eine Schulung mit einer Vertreterin der Menschenrechtsorganisation "Amnesty International". "Ich habe viele neue Informationen bekommen", erzählt der 15-jährige Berkcan. Besonders interessant fanden die Jugendlichen, mehr über den US-amerikanischen Bürgerrechtler Malcom X zu erfahren.

Am Tag vor der Nationalratswahl fand im Jugendtreff eine "Probewahl" statt: Auf Musterstimmzetteln gaben die Kids in eigens dafür aufgebauten Wahllokalen ihre Stimme ab. Das Ergebnis der "Spaß-Wahl" unterschied sich vom tatsächlichen Wahlergebnis deutlich. Bei der "Probewahl" der Jugendlichen gewannen die Grünen; in dem Gemeindebau hingegen, in dem die meisten Jugendlichen selbst wohnen, haben 2017 fast 44 Prozent die FPÖ gewählt – fünf Prozent mehr als bei der vorherigen Nationalratswahl.

"Das Interesse von Jugendlichen an Politik und Geschichte ist sehr groß", sagt Andreas Peham vom "Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes" (DÖW). Seit 25 Jahren geht er an Schulen und macht dort Workshops, deren Ziel Extremismus-Prävention ist. Überdies ist er in der Lehrerausbildung tätig. "Es ist erschreckend, wie gering das Grundwissen über Nationalsozialismus und Antisemitismus ist", sagt Peham, "selbst in der Oberstufe ist es sehr lückenhaft. Lehrerinnen und Lehrer können das Thema während des Geschichtestudiums umschiffen. Ich weiß, dass es kein angenehmes Thema ist, aber es reicht nicht, ‚Schindlers Liste‘ anzusehen und nach Mauthausen zu fahren."

Politische Bildung am Rand

Ahdam und Anes im Portrait. Beide kommen regelmäßig zum Jugendtreff Pfarrgasse. - © Christoph Liebentritt
Ahdam und Anes im Portrait. Beide kommen regelmäßig zum Jugendtreff Pfarrgasse. - © Christoph Liebentritt

In der Schule ist politische Bildung Teil des Geschichteunterrichtes ab der 6. Schulstufe. Die neue Regierung plant, politische Bildung ab der 5. Schulstufe stärker im Lehrplan zu verankern und will die Umbenennung in "Staatskunde und politische Bildung". Es sollen nun "staatliche Grundwerte und rechtsstaatliche Prinzipien" vermittelt werden, heißt es im Regierungsprogramm. Laut Bildungsminister Heinz Faßmann wird es aber kein eigenständiges Fach "Politische Bildung" geben. Andreas Peham vom DÖW befürchtet, diese "Staatskunde" könnte als Institutionenkunde ausgelegt werden. Für den Rechtsextremismus-Experten soll politische Bildung "Handlungskompetenz zu erhöhen und das Selbstbewusstsein der Jugendlichen zu stärken. Ganz ohne formales Wissen geht es nicht, aber es geht um die Vermittlung von Demokratie "nicht als Regierungs-, sondern als Lebensform, politische Bildung muss über Staatsbürgerkunde hinausgehen."

Patricia Hladschik, Leiterin von "polis", dem Zentrum "Politik Lernen in der Schule", sieht das anders: "Die Menschen wissen immer weniger, wie ein Staat funktioniert; es zeigt sich eine gewisse Erosion in der Zustimmung zur Demokratie. Ich habe derzeit keine große Sorge, dass im Lehrplan automatisch reaktionäre Inhalte drinstehen werden, nur weil ‚Staatskunde‘ draufsteht." Das Zentrum polis wird vom "Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte-Forschungsverein" getragen und ist die zentrale Serviceeinrichtung zur Politischen Bildung in der Schule. Hladschik: "Dass nun politische Bildung nicht kompetenzfördernd, sondern als Staatsbürgerkunde, die im Sinne der Herrschenden agieren sollen unterrichtet wird, würde ich nicht hineininterpretieren."

Wie wollen wir leben? Wie gehen wir miteinander um? Peham will, dass das Klassenzimmer zum Aushandlungsraum wird. Im Unterricht versucht er auf die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler einzugehen: "Wenn ich in eine Neue Mittelschule komme, in der einige in den Neo-Salafismus abdriften, machen wir Dschihadismus-Prävention. An Landschulen diskutieren wir eher Rassismus. Wir haben auch schon Mal zwei Stunden lang über Pornografie, Menschenfeindlichkeit und Sexismus gesprochen, weil das für die Jugendlichen wichtig war."

Doch die öffentlichen Mittel für Schulbesuche seien nicht ausreichend, kritisiert Peham, der jährlich an 30 bis 50 Schulen geht. Nur ein kleiner Teil dieser Stunden wird vom Bildungsministerium finanziert, die restlichen Kosten hat bisher das DÖW übernommen. "Wir können das immer weniger ausgleichen", sagt Peham. Die Workshops zur Extremismus-Prävention kann Peham nun nur noch an Berufsschulen im Rahmen der überbetrieblichen Lehrlingsausbildung durchführen. "Ich sehe darin einen eklatanten Widerspruch zu allen politischen Bekenntnissen bezüglich Prävention bei Radikalisierung" sagt Peham. Auch erkenne er Parallelen zu den immer höheren Ansprüchen, die an die Lehrerschaft gestellt werden: "Ähnlich geht es auch Lehrerinnen und Lehrern: sie sollen politische Bildung innerhalb des Geschichtefachs mitmachen, bekommen aber nicht mehr Stunden. Wie soll das gehen?"

"Den Betreuern erzähle ich alles"

Unterscheidet sich politische Bildung innerhalb des Schulsystems von jener in der Jugendarbeit? Herrscht dort eine andere Diskussionskultur? "Hier kann man offener reden als in der Schule", meint der 15-jährige Azad, der zu dem Team in der Pfarrgasse großes Vertrauen hat: "Den Betreuern erzähle ich alles." Im Jugendzentrum Pfarrgasse ist das politische Interesse inzwischen groß, erzählt Bachleitner. Vor allem die Kids mit kurdischen Wurzeln besuchen immer wieder Demos oder politische Veranstaltungen. Mit den türkischen Jugendlichen gebe es deshalb aber keine Streitereien, wird versichert. Im Jugendtreff sind bis zu 117 Ethnien und verschiedenste Religionen vereint. Doch das sorge das selten für Streit, erzählen die Jugendlichen. Zwar fallen immer wieder rassistische Schimpfwörter, aber "das ist nur Spaß".

Wie in der Sexualkunde und der Drogenprävention seien Schulen auch bei der politischen Bildung angehalten, externe Trainer an Schulen zu holen oder Exkursionen zu machen, sagt Peham. Die biber-Journalistin Melisa Erkurt ist eine solche externe Kraft für die Vermittlung von politischer Bildung. Ihr Schwerpunkt ist Medienbildung: Jeden Monat besucht sie eine sogenannte "Problemschule" und macht dort mit den Lernenden jeweils einwöchige Medien-Workshops zu verschiedenen Themen. Die Schülerinnen und Schüler schreiben in dieser Woche selbst Artikel und machen Fotos und Videos, die sie dann als Blog-Beiträge veröffentlichen. Gemeinsam mit Erkurt besuchen sie Redaktionen oder Museen, 500 Jugendliche hat das biber-Newcomer-Projekt in den vergangenen drei Jahren erreicht.

Am Ende der Medienwoche sagen meist zwei bis drei Jugendliche, dass sie in den Journalismus wollen, berichtet Erkurt. Sie ist vor allem für Schülerinnen oft auch ein Vorbild: "Die Mädchen sagen mir: Ich habe meinem Papa erzählt, dass du studiert hast, obwohl du Muslima bist.".

Erkurt wurde in Sarajevo geboren und flüchtete mit ihrer Familie während des Bosnienkriegs nach Österreich. Zuerst schloss sie das Lehramtsstudium ab, danach ging sie in den Journalismus. Zu den Jugendlichen habe sie aufgrund ihrer eigenen Fluchtgeschichte einen leichteren Zugang als viele Lehrerinnen und Lehrer, erzählt sie. Das liege daran, dass die jungen Menschen offener sind, wenn sie sich wiedererkennen können. "Viele Lehrerinnen und Lehrer sind sehr überrascht, wenn ich ihnen dann von sexistischen, antisemitischen, homophoben oder rassistischen Äußerungen der Jugendlichen berichte", sagt Erkurt. Wenn sie in einer Klasse solche Tendenzen aufschnappt, gibt sie das an die entsprechende Lehrperson weiter, die dann im Laufe des Schuljahres näher darauf eingehen kann.

"Jugendliche erkennen Ungerechtigkeit genau"

Erkurt beobachtet, dass in der letzten Zeit vor allem sexistische Äußerungen zunehmen: "Die Mädchen werden oft belächelt und runtergemacht – und zwar nicht nur von den Burschen, sondern auch von manchen männlichen Lehrern." Allerdings: Jugendliche wie Lehrende sind gegenüber Sexismen sensibler geworden. Dafür, dass Sprüche wie "Du bist ein Mädchen, kein Wunder das du Mathe nicht kannst" oder "Du siehst gut aus, also bekommst du sicher gute Noten" nicht nur nicht witzig, sondern sexistisch sind, gebe es immer mehr Bewusstsein, sagt Erkurt. In ihren Texten bearbeiten die Mädchen oft Erfahrungen wie sexuelle Belästigung. "Sie erkennen genau, was ungerecht und diskriminierend ist.". Auch die Burschen seien meist einsichtig, wenn man ihnen erklärt, warum etwas ungerecht ist.

Die Ausstellung zur Geschichte der Medien im Jugendtreff Pfarrgasse. - © Christoph Liebentritt

DieAusstellung zur Geschichte der Medien im Jugendtreff Pfarrgasse.

- © Christoph Liebentritt

Im laufenden Schuljahr hat die Stadt Wien Medienkompetenz zum Schwerpunkt gemacht, politische Bildung fließe jedoch immer in die Jugendarbeit ein, betont Landesjugendreferent Ceplak. Doch wie sieht zeitgemäße politische Bildung aus? "Eine Hauptaufgabe der politischen Bildung ist es, Ohnmachtsgefühle zu reduzieren und Handlungskompetenzen zu stärken", sagt Hladschik, "Jugendliche sollen das Gefühl haben, dass sie in einem Land leben, in dem sie mitbestimmen können, was passiert. Dass ihre Stimme etwas zählt, sie Vertrauen in das System haben können, weil sie es verstehen und zu nutzen wissen."

So wie die Schülerinnen und Schüler, deren Stimme gehört wird, wenn sie beim biber-Medienprojekt Artikel veröffentlichen. Oder wie Berkcan, der die Ausbildung zum Sozialarbeiter machen will und so dazu beitragen will, dass die Generation ihre Chancen erkennen kann. Oder wie Patricia, die Anwältin werden möchte, um für mehr Gerechtigkeit im Land zu sorgen: Patricia ist 18 Jahre alt und weiß, dass sie es in der Hand hat, etwas zu ändern. Sie will Jus studieren und wird in den kommenden Tagen schon mal am Juridicum schnuppern. Sie möchte Anwältin werden. Obwohl die Tochter mazedonischer Einwanderer persönlich keiner Diskriminierung ausgesetzt war, habe sie diese oft bei ihren Mitschülerinnen beobachtet. Das hat ihren Sinn für Gerechtigkeit geweckt.

Patricia ist eines der wenigen Mädchen im Jugendtreff Pfarrgasse. Der Anteil weiblicher Jugendlichen liegt unter zwanzig Prozent. Oftmals erlauben Eltern ihren Töchtern nicht, ins Jugendtreff zu kommen, weil dieser im Grätzel einen schlechten Ruf hat. Patricia kann diese Verbotspolitik nicht nachvollziehen: "Es ist doch besser, wenn die Eltern wissen, dass man hier ist, mit Beaufsichtigung." Früher kam sie oft in den Jugendtreff. Derzeit eher ist sie selten hier, denn sie muss für die Matura lernen, das ist ihre Priorität.

Auch Ali, 18 Jahre alt, ist heute nur noch selten im Jugendtreff anzutreffen. Früher kam er täglich. "Das hat mich von meiner Aggression runter geholt", erzählt er. "Die Betreuerinnen sind wie zweite Mütter. Respektspersonen, zu denen man immer kommen kann." Als er ein Jahr lang arbeitslos war, halfen sie ihm beim Bewerbungsschreiben. Heute fährt er Taxi. Sein Kumpel Ezra sagt: "Hier gibt’s ja sonst nichts. Wenn es den Jugendtreff nicht gibt, kommen die Kids nur auf dumme Gedanken. Die Betreuer kennen uns gut, sogar unseren Humor. Das sind die einzigen Schwabos ("Deutschsprachige", Anm.), die uns verstehen".

Renovierung: Jugendtreff in Gefahr

"Ich weiß nicht, was ich machen würde, wenn es den Jugendtreff nicht mehr gibt", sagt Azad. Tatsächlich ist der Jugendtreff in Gefahr: Der Container, in dem der Jugendtreff untergebracht ist, soll für Baumaschinen und Bauarbeiten Platz machen. Denn ab 2010 wird der Gemeindebau, in dessen Mitte der Jugendtreff liegt, renoviert. "Wir wollen auch lieber woanders sein", sagt Bachleitner. Manchmal spaziert die Sozialarbeiterin mit den Jugendlichen durch den Bezirk, um auf eigene Faust nach neuen Räumlichkeiten zu suchen. Bisher ohne Erfolg. Eineinhalb Jahre bleibt noch Zeit. Auch der Bezirk ist gewillt, eine Lösung zu finden: "Das Angebot eines Jugendtreffs soll es in Inzersdorf auf jeden Fall weitergeben", versichert Bezirksvorsteher Bischof gegenüber der "Wiener Zeitung".