Wien. "Die Flügel heben" - Das war einer der zentralen Leitsprüche von NEOS-Chef Matthias Strolz und sein Anliegen. Seine eigenen Flügel in der Politik senkt er nun und tritt von der Spitze der von ihm gegründeten Partei zurück. Und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wo die Partei erfolgreich ist und in Salzburg vor dem Einzug in die erste Landesregierung steht.

Eigentlich hatte sich Strolz eine Spanne von zehn Jahren für die Politik vorgenommen. Da befindet er sich jetzt gerade erst etwas über der Mitte. Aber nicht nur für sich selbst, sondern für alle Politiker plädierte der NEOS-Chef für eine Amtszeitbeschränkung. Regierungsmitglieder sollten maximal zwei Perioden und Abgeordnete maximal drei Legislaturperioden im Amt sein. Strolz selbst befindet sich als Abgeordneter gerade erst am Beginn seiner zweiten Legislaturperiode.

NEOS ohne "Leitwolf"

Mit seinem Rückzug bringt Strolz seine Partei, die er nicht nur selbst gegründet sondern auch aufgebaut hat, möglicherweise in die Bredouille. Er ist nicht nur das nach außen bekannte Gesicht der NEOS, er steht auch als Person für die liberale Oppositionspartei. Ob die NEOS nun auch ohne ihren Leitwolf den Erfolgslauf fortsetzen können, ist zumindest fraglich.

Strolz polarisiert. Aber egal ob man ihn mag oder nicht, kaum jemand wird abstreiten, dass der 44-jährige Vorarlberger das Energiebündel der österreichischen Innenpolitik ist. Ohne diese Explosivität wäre es freilich kaum möglich gewesen, vor fünf Jahren aus dem Stand eine liberale Truppe aus der Taufe zu heben, die wenig später gegen alle Wahrscheinlichkeiten den Sprung in den Nationalrat schaffte und sich seither gut etabliert hat.

Ein authentischer Politiker

Geboren in Bludenz, aufgewachsen in Dalaas, hat sich der Vorarlberger eine Bodenständigkeit bewahrt, die ihn über selbst ernannte Eliten hinauswirken lässt. Was Strolz in der österreichischen Politik so einzigartig macht, ist, dass er sich für wenig geniert. Ob er jetzt Gedichte über Kastanien publiziert, über das Bäume-Umarmen philosophiert oder opulente Wortbilder produziert, der NEOS-Chef bleibt authentisch, auch wenn er manchmal an einen Sektenführer erinnern mag. Auch mit politischen Aussagen schwimmt er nicht immer mit dem Strom, etwa wenn er angesichts des steigenden Einflusses des Islam vor einem Bürgerkrieg warnte.

Aus dem Nichts kommt das natürlich nicht. Strolz, der schon Vorarlberger Landesschulsprecher war und für die VP-nahe AG an der Uni Innsbruck Vorsitzender der örtlichen Hochschülerschaft war, ist gelernter Coach, ein systemischer Organisationsentwickler. Motivation ist seine Sache, "Mutmacher" will er sein, den Kindern die "Flügel heben", "Chancen-Gespräche" führen etc., etc., etc.

Heiratsantrag während der Polsterschlacht

Sein Glück ist, dass er sich bei aller Ein- und Aufdringlichkeit eine Art kindlichen Charmes bewahrt hat. Dass er seiner Frau den Heiratsantrag bei einer Polsterschlacht gemacht hat, glaubt Strolz jeder, egal ob es tatsächlich stimmt. Das Paar hat mittlerweile drei Töchter, Strolz ist ihr stolzer Vater, auch wenn er vermutlich nicht so viel Zeit für seine Kinder aufbringen konnte wie er wollte.

Denn seit der Parteigründung war Strolz, der einst im Büro des heutigen Zweiten Nationalratspräsidenten Karlheinz Kopf (ÖVP) das politische Handwerk gelernt hatte, ein Dauer-Getriebener. Sich im Parlament zu etablieren, ist schon keine leichte Übung. Dann waren aber auch noch diverse Wahlen zu bestreiten, obwohl die Strukturen vor allem in den Ländern fehlten. Einzelnen kleineren Erfolgen bei der EU-Wahl, in Wien und Vorarlberg standen zunächst auch Pleiten gegenüber - etwa in Oberösterreich und der Steiermark - ehe im Vorjahr der Wiedereinzug ins Parlament glückte.