Wien. Die Einstellung aller Kampfhandlungen wurde für den 8. Mai um 23.01 Uhr festgelegt. So vereinbarten es in Reims, der Krönungsstadt der französischen Könige, die Alliierten am 7. Mai 1945 mit der Wehrmacht bei der bedingungslosen Kapitulation des NS-Regimes. Damit endete der Zweite Weltkrieg. Die Schlacht um Wien hatte die Rote Armee zu diesem Zeitpunkt bereits gewonnen, am 27. Mai erklärten Vertreter von SPÖ, ÖVP und KPÖ die Unabhängigkeit Österreichs; noch am selben Tag konstituierte sich eine Provisorische Staatsregierung unter dem Vorsitz Karl Renners.

Das ist der historische Hintergrund, warum der 8. Mai seitdem in etlichen Ländern Europas als "Tag der Befreiung" vom Nationalsozialismus gefeiert wird. Am Dienstag luden aus diesem Anlass Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) ins Kanzleramt zu einem Festakt. Als Festredner war Arik Brauer geladen.

Die Sieger und Verlierer
des 8. Mai

Der bewundernswert agile 89-jährige Holocaust-Überlebende, Maler, Sänger und Dichter, der den Zweiten Weltkrieg versteckt in Wien überstanden hatte, sprach gleich zu Beginn seiner Rede die ambivalenten Gefühle zum Ende des Krieges an, dessen letzte Züge er hautnah als abgemagerter 16-Jähriger miterlebt hatte: "Für mich war es selbstverständlich eine Befreiung, für mich war es selbstverständlich ein Sieg. Nicht so für die Bevölkerung." Für diese seien vielmehr zerstörte Wohnungen, gefallene Kinder und Ehemänner, vergewaltigte Töchter die Realität gewesen. "Die Menschen hatten das Gefühl, wir haben den Krieg verloren, so, jetzt haben wir den Scherm auf."

Die Gegenwart sei stärker als die Vergangenheit, meinte Brauer weiter, und zwar aus einem einfachen Grund. "Die Gegenwart existiert, die Vergangenheit ist tot." Deshalb lasse sich diese auch leicht verdrängen: Etwa die jubelnden Massen auf dem Heldenplatz nach dem "Anschluss" im März 1938 oder die Siegesmeldungen in der "Wochenschau"; und auch das Gefühl, einer überlegenen Rasse anzugehören, lasse sich später verdrängen.

"Ich glaube nicht an Kollektivschuld. Aber jeder Einzelne muss am Ende - und, davon bin ich überzeugt, wird es auch - Rechnung ablegen über seine Taten", so Brauer. Gewonnen habe an diesem 8. Mai 1945 die Demokratie über die Diktatur, verloren hätten die Täter und der Nationalsozialismus. Heute sei er sich sicher, "dass die überwältigende Mehrheit der Menschen in Österreich durchaus imstande ist, die Situation und die Wahrheit von der Zeit des Zweiten Weltkriegs richtig einzuschätzen".

Großer Applaus und
Standing Ovations

Zur heutigen Situation in Europa sagte Brauer: "Glückliches Europa, in dem ein Land - wenn auch oft aus egoistischen Interessen - dem anderen auf die Finger schaut, damit es nur ja seine Demokratie hegt und pflegt. Und glücklich die Bevölkerung, die eine Regierung hat, wo Menschen sind, hoffentlich, die imstande sind, mit Geduld und mit Freude die Kritik und Kontrolle der Öffentlichkeit zu ertragen - je mehr davon, umso besser."

Ende der Rede. Großer Applaus und Standing Ovations.

Zuvor hatte Bundeskanzler Kurz in seiner Eröffnung an die "mehr als 100.000 Österreicherinnen und Österreicher" erinnert, die "vertrieben wurden, nachdem man sie zuvor beraubt, gedemütigt und in unserem Land misshandelt hatte", und von denen die wenigstens danach wieder in ihrem Heimatland willkommen waren.

Und Vizekanzler Strache, dessen FPÖ den 8. Mai lange nicht als "Tag der Befreiung" gefeiert hatte, betonte nun, dass man das Ende der NS-Schreckensherrschaft als "Fest der Freude" feiere und zu Recht stolz auf Österreich sein könne. Es habe aber auch "danach noch viel Leid gegeben", ergänzte Strache.

Am Dienstagabend fand dann auf dem Heldenplatz das traditionelle "Fest der Freude" statt.