Was ist die rote Linie des ÖGB? Ab wann beginnen Sie mit Eskalationsstufen?

Wir sind ja schon mitten drin. Wir hatten schon eine sehr große Vorständekonferenz, dort wurde beschlossen, dass in Betriebsrätekonferenzen informiert wird. Dort werden wir sagen, was die Folgen der Regierungsideen sind. Die Regierung ist zum Teil ahnungslos in der Sache, zum Teil ziellos und orientierungslos, zum Teil respektlos, was die Funktionäre betrifft, und zum Teil verantwortungslos, was die Menschen betrifft.

Aber was tun Sie, wenn die Regierung den 12-Stunden-Tag durchsetzt? Wir wissen ja noch nicht, wie das genau aussehen soll.

Genau das ist es. Wir sind mit ständigen Ankündigungen konfrontiert. Man darf jetzt schon 24 Wochen lang 12 Stunden am Tag oder 60 Stunden in der Woche arbeiten. Das ist mehr als die Hälfte des Jahres, wenn man von den 52 Wochen fünf Wochen Urlaub abzieht. Es geht darum, dass jetzt nur in bestimmten Ausnahmefällen 12 Stunden gearbeitet werden darf. Die Regierung will eine "generelle Höchstarbeitszeit von 12 Stunden pro Tag" und eine "generelle Höchstarbeitszeit von 60-Stunden pro Woche.

Gegen längere Arbeitszeit ab und zu hat wahrscheinlich niemand etwas.

Ab und zu ist das ja ohnehin möglich. Das ist ja ein alter Hut. Aber wir fordern: Je höher die gewünschte Flexibilität ist, desto niedriger muss die Gesamtarbeitszeit sein. Eine Vereinbarung über drei mal 12 Stunden und vier Tage frei unterschreibe ich sofort.

Das heißt, man braucht keine neuen Regelungen.

Wir brauchen keine Änderung, weil jetzt schon alles möglich ist. Zehn Stunden ist die normale Höchstarbeitszeit, 12 Stunden sind möglich - und darüber hinaus auch. Warum also setzt sich die Industrie so auf dieses Thema? Mit uns gibt es mehr Flexibilität nur mit einer Arbeitszeitverkürzung. Dann fangen wir morgen mit Verhandlungen an.

Sie standen fast zehn Jahre an der Spitze der Gewerkschaften. Was waren Ihre größten Erfolge?

Ich bin seit meiner Lehrzeit 1971 ÖGB-Mitglied und war drei Jahrzehnte in verschiedenen Funktionen. Das war eine tolle Zeit. Wir haben die Herausforderungen nach der Bawag-Krise gemeistert, es gibt einen Vertrauensgewinn nach diesem Tief.

Sowohl beim ÖGB als auch in der Wirtschaftskammer lenkt ab sofort ein neuer Kapitän. Harald Mahrer hat Christoph Leitl bereits abgelöst, Sie übergeben am Donnerstag an Wolfgang Katzian. Haben Sie Ratschläge für die beiden neuen Sozialpartnerspitzen?

Diese Ära war besonders gut. Wir habe einen de facto Mindestlohn erzielt. Das neue Team muss selbst neue Wege finden. Da heißt es, auf Augenhöhe verhandeln, mit Respekt voreinander. Wer glaubt, dass die Gewerkschaften Befehlsempfänger sind, irrt.