Wien. 100 ist nicht gleich 100. Beim Fahren kommt es auf den Straßenbelag, die Sicht, das Wetter, das Verkehrsaufkommen, das Auto und vieles andere mehr an. Erfahrungsgemäß wird auf den Autobahnen das Tempolimit von 130 km/h sehr häufig überschritten. Verkehrsminister Norbert Hofer (FPÖ) wird daher ab 1. August die Strecke zwischen Haid und Sattledt in Oberösterreich auf der A1 Westautobahn für Tempo 140 frei geben.

Tempo 140 nur in Polen und Bulgarien

Laut Verkehrsclub Österreich entfernt sich Österreich damit aus dem europäischen Hauptfeld. Nur in Bulgarien und Polen gebe es ein Tempolimit von 140, in Deutschland gibt es auf etwa der Hälfte der Autobahnen kein Tempolimit und stattdessen eine Richtgeschwindigkeit von 130 km/h. In den anderen EU-Staaten mit Autobahnen gilt Tempolimit 130. In der Schweiz gilt auf Autobahnen Tempo 120.

In Österreich ist bei Radarmessungen eine Toleranz gesetzlich vorgegeben, die auf eine mögliche Messungenauigkeit der Geräte zurückzuführen ist. Zum Tempolimit kommen daher in Österreich noch Toleranzen: einerseits die bereits erwähnte Messfehlertoleranz, andererseits die Vollziehungstoleranz, wie ÖAMTC-Chefjurist Martin Hoffer der "Wiener Zeitung" sagte. Diese Schwankungsbreite beträgt 5 km/h bei einer Geschwindigkeit von unter 100 km/h, bei mehr als 100 km/h sind es fünf Prozent der Geschwindigkeit. Bei einem Tempolimit von 50 km/h werden demnach 55 km/h gesetzlich toleriert, bei Tempo 130 sind es 137 km/h.

Moderne Tachometer "sehr genau"

Dazu kommt dann noch ein Toleranzpolster der Polizei, der zwischen 5 und 7 km/h liegt.

In der Regel, so Hoffer, könne man sich auf die modernen Tachometer verlassen. Technisch gelte aber die ECE-Regel 39, wonach der Tachometer nie zu wenig, aber um 10 Prozent plus 4 km/h mehr anzeigen darf, was bei 100 km/h immerhin bis zu 114 km/h ausmachen könnte.

Genau darin sieht der Verkehrsclub das Problem. Toleranzen würden Geschwindigkeitsübertretungen noch stärker fördern. Der VCÖ ist daher für ein "Null-Toleranz"-Prinzip.

"Höhere Geschwindigkeit führt zu höherem Benzinverbrauch"

Was das Tempo 140 betrifft, seien nicht wesentlich mehr Unfälle zu erwarten, erläutert Hoffer. Denn selbst bei dem Versuch von Tempo 160, das der damalige Verkehrsminister Hubert Gorbach (FPÖ/BZÖ) auf einem Teilstück der Kärntner Tauernautobahn von 2006 bis 2007 testen ließ, sei es zu keiner Unfallhäufung gekommen. Eher seien die Unfälle noch zurückgegangen. Allerdings sei das schwierig zu messen, so Hoffer. Denn geschwindigkeitsrelevante Unfälle seien auf den Autobahnen ohnehin in der Minderzahl, die meisten Unfälle würden durch Spurwechsel und Unaufmerksamkeit entstehen.

Bedenken gegen Tempo 140 hat dagegen VCÖ-Experte Markus Gansterer: "Je größer die Tempounterschiede, umso schlechter für den Verkehrsfluss, wodurch es erst wieder zu Zeitverzögerungen kommt. Zudem ist die Gefahr groß, dass mehr gedrängelt wird." Er verweist auch darauf, dass eine höhere Geschwindigkeit einen höheren Benzinverbrauch zur Folge hat und damit auch der CO2-Ausstoß zunimmt, die Verkehrssicherheit nehme dagegen ab.
Für die Bevölkerung wäre die ideale Geschwindigkeit auf Autobahnen 137 km/h – das hat der ÖAMTC erhoben. Doch die Frage ist, welche Geschwindigkeit wäre ideal? Verkehrswissenschafter Peter Cerwenka, Leiter des Instituts für Verkehrssystemplanung an der TU Wien, hat dazu eigene Berechnungen angestellt und kommt zu folgendem Ergebnis: In der Stadt wäre das ideale Limit 49 km/h, im Freiland 75,8 km/h und auf der Autobahn knappe 125 km/h. Das wäre eine Absage an Tempo 140.