Was wäre das?

Die Mindestsicherung dient in erster Linie der Armutsvermeidung, zweitens geht es um Arbeitsanreize, wo ich die Einschätzung von AMS-Chef Johannes Kopf teile, dass hier noch Verbesserungen möglich sind. Es geht, drittens, um die Finanzierbarkeit und viertens um die Akzeptanz in einer Demokratie. Der Grundsatz, dass Menschen, die aus dem Versicherungsprinzip hinausgefallen oder nicht hineingekommen sind, oder die einen Zuschuss zu ihrem geringen Einkommen brauchen, ein Leben in Würde führen können sollen, muss erfüllt sein. Alles andere führt zu einer Spaltung der Gesellschaft - und davon hat niemand etwas.

Werden aktuell jene, die Sozialleistungen erhalten, auseinanderdividiert?

Wir diskutieren vielfach nicht die richtigen Fragen. Man kann natürlich so tun, als ob die Republik an weniger Mindestsicherung gesunden kann, aber ich glaube das nicht. Wir diskutieren über diese Menschen, weil sie sich nicht wehren können und wir andere Dinge nicht diskutieren wollen. Die Debatte über die Paradise-Papers ist zum Beispiel rasch wieder verschwunden. Statt dessen wurde monatelang darüber diskutiert, ob Menschen, die ohnehin nicht viel Geld zum Leben haben, mit noch ein paar Euro weniger auskommen könnten. Das bringt uns nicht weiter.

Wenn es um Steuern für Vermögende geht, bringen viele rasch Neid als Motiv dafür in die Debatte ein, bei Ärmeren aber Missbrauch des Systems. Ist das fair?

Die Versuchung gibt es an beiden Enden der Gesellschaft. Aber mir fällt auf, dass was mit großer Energie am unteren Rand der Gesellschaft angeprangert wird, am oberen Rand sehr viel behutsamer diskutiert wird. Das ist nicht fair. Es geht nicht um die Frage, was wir uns leisten können, sonder darum, was wir uns leisten wollen: Und da soll niemand in unserem Land auf der Strecke bleiben.

Die Mindestsicherung ist von Bundesland zu Bundesland anders gestaltet, ist das gut so?

Nicht der Wohnort, sondern die Not der Menschen soll entscheidend dafür sein, wie viel Mindestsicherung jemand bekommt. Wenn ein Kind wegen einer Erkrankung Spezialnahrung braucht, ist mehr Unterstützung notwendig. Es geht um die konkreten Lebensrealitäten der Menschen, an denen sich ein künftiger Mix aus Geld- und Sachleistungen orientieren muss - und da ist Wohnen ein Schlüsselthema. Wenn ein Großteil der Mindestsicherung für die Wohnung draufgeht und einer Familie nur 100 Euro pro Person und Monat übrig bleiben, dann funktioniert das nicht.

Die Höhe der Mindestsicherung liegt bei knapp unter 900 Euro für Alleinstehende. Ist das ausreichend für ein Leben in Würde?