Das ist das absolute Minimum. Es ist aber auch problematisch, über eine Absenkung des Betrags bei Paaren und Familien nachzudenken. Wenn kinderreiche Familien Gefahr laufen, in dramatische Notlagen zu rutschen, dann ist das etwas, was niemand von uns wollen kann. Ich appelliere außerdem dafür, nicht von Armut betroffene Gruppen gegeneinander in Stellung zu bringen. Es ist keiner Mindestpensionistin damit geholfen, wenn es einer kinderreichen Familie schlechter geht.

Sie haben von Arbeitsanreizen gesprochen, aus der Regierung hört man dagegen von Anreizen, wegen des Sozialsystems nach Österreich zu kommen. Gibt es diese behauptete soziale Hängematte überhaupt?

Wir wissen aus der Praxis, dass viele Menschen verzweifelt nach Arbeit suchen und keine finden. Auch jetzt, trotz besserer Wirtschaftslage, gibt es Menschen, die den Anschluss nicht mehr finden, die Begleitung brauchen. Und wo es um ältere Arbeitslose geht, wird man mit Qualifizierung nicht das Auslangen finden. Hier braucht es einen erweiterten Arbeitsmarkt. Die Abschaffung der Notstandshilfe ist deshalb ein sehr heikles Thema.

Befürchten Sie ein Hartz-IV-System?

Wir sollten einen solchen Weg nicht einschlagen. Was wären die Konsequenzen? Menschen in der Mindestsicherung müssen alles, was sie zur Altersvorsorge gespart haben, verbrauchen, und sie erhalten keine Versicherungszeiten für die Pension mehr - damit ist Altersarmut vorprogrammiert. Wenn wir bei der Unterstützung Arbeitsloser streichen, kann das längerfristig zu massiven Schäden führen. Vor allem aber glaube ich, dass es zur Mindestsicherung Mythen gibt: Menschen sind selbstverständlich angehalten, sich Arbeit zu suchen, und wenn sie das nicht tun, kann die Mindestsicherung gekürzt werden. Selbstverständlich darf die Gesellschaft erwarten, dass sich Menschen anstrengen, aber wer hier von sozialen Hängematten spricht, hat von der Realität der Menschen keine Ahnung.

Wie sieht diese Realität aus?

Das ist Leben am Limit. Da leben zum Beispiel rund 220.000 Menschen in Wohnungen, die sie nicht angemessen warm halten können. Das sind Mindestpensionistinnen, die zu Hause den Mantel nicht ausziehen können. Das sind Kinder, denen in der Wohnung zu kalt ist, um zu lernen. Das sind Mütter, die bis zur Gesundheitsgefährdung bei der eigenen Ernährung sparen, damit in der Schule nicht auffällt, dass ihr Kind aus einem armen Haushalt kommt. Das heißt, dass Kinder niemanden nach Hause einladen können und so Gefahr laufen, zu Außenseitern zu werden. Es geht uns in Österreich gut, aber genau deshalb dürfen wir uns nicht damit abfinden, dass es Einzelnen schlecht geht. Leben am Limit bedeutet Stress, das schadet der Gesundheit. Die Lebenserwartung der von Armut Betroffenen liegt deutlich unter jener anderer.

Wird Armut mehr zum Stigma?

Wir nehmen sehr stark wahr, dass sich von Armut Betroffene für ihre Situation schämen. Die öffentliche Debatte trägt auch dazu bei. Es verändert das Klima in unserem Land, wenn ständig Menschen, die keine Arbeit finden, die Schuld daran gegeben wird, als würden die, die nicht wissen, wie sie den Alltag aus eigener Kraft bewältigen können, sich nicht genug anstrengen. Da gilt es, unsere Sprache zu hinterfragen.