Durch die steigende Lebenserwartung werden jedenfalls immer mehr Demenzkranke in Österreich leben und wir werden ihnen begegnen: im Café, beim Arzt, in der Buchhandlung oder im Bus - mit entsprechenden Anforderungen an Gesellschaft und Institutionen.

Obwohl die Zahl der Erkrankten in den nächsten Jahren rasant steigen wird, kommt der Begriff Demenz im Arbeitsprogramm der Regierung nicht einmal vor, eine Anfrage, was das zuständige Gesundheits- und Sozialministerium zum Thema Demenz plant, kann in mehreren Stunden nicht beantwortet werden, die Demenzstrategie der Vorgängerregierung ist längst in der Schublade verschwunden - ein waghalsiges Statement.

Es sei höchste Zeit, das Thema zu enttabuisieren und zu lernen, die Krankheit zu verstehen und die Angehörigen zu unterstützen, sagt der Psychiater Held.

Wäre da nicht die Angst vor der bekannten Unbekannten. Zunächst einmal sei da die allgemeine Angst der Leute, den Verstand zu verlieren, sagt Held. Hinzu komme der aussichtslose Fakt, dass es keine Medikamente oder Therapien gibt, die eine Demenz erfolgreich stoppen können - die Forschung tappt im Dunklen. Am Ende der Krankheit steht der unwiderrufliche Verlust der eigenen Lebensgeschichte. Deshalb gibt es nur allgemeine Präventionsregeln, die das Demenzrisiko senken sollen: Bewegung, gesunde Ernährung, Gehirnübungen und soziale Kontakte. Im Schnitt dauert eine Demenzerkrankung acht bis zehn Jahre, und je früher man erkrankt, desto schneller verläuft der Prozess.

Zwar lässt sich Demenz weder heilen noch bremsen, das bedeutet aber nicht, dass es sinnlos wäre, Verdachtsmomente medizinisch abklären zu lassen. Allein schon, um behandelbare Ursachen von Vergesslichkeit wie Depression oder Vitaminmangel auszuschließen. Außerdem ist der Patient mit seinem Schicksal nicht alleine.

Denn bei der Demenzpflege gilt die Maxime: möglichst lange zu Hause bleiben. Viele Angehörige entschließen sich auch dazu, selbst zu pflegen - mehr als drei Viertel der derzeit geschätzt 120.000 Demenzkranken in Österreich werden daheim versorgt. Solange aber unklar ist, was etwa mit dem Ehepartner nicht stimmt, kann sein Verhalten falsch gedeutet werden. "Du hörst mir gar nicht mehr zu, liebst du mich nicht mehr?", wird dann geklagt. Empathie und Interesse seien allerdings kognitive Fähigkeiten, die schon in einem frühen Stadium der Demenz beeinträchtigt werden, erklärt Held. Nach einer Diagnose könnten sich Angehörige mit der Situation besser auseinandersetzen und manche Reaktionen des Kranken werden nicht mehr als böser Wille verstanden.

In einer späteren Phase der Demenz kann aber der Punkt kommen, an dem sich Angehörige Hilfe suchen sollten. Meist ist diese Grenze aber längst überschritten, wenn sie dies tun. Wenn der Erkrankte seine Gattin nicht mehr erkennt und aus der Wohnung haben will, die eigenen vier Wände für ihn so fremd und bedrohlich werden, dass bei ihm Angst und Wahnhaftigkeit eintreten oder wenn schlicht die Pflegebedürftigkeit des Erkrankten stärker zunimmt, etwa wenn Urin- und Stuhlinkontinenz hinzukommen: Spätestens dann sei die Maxime "möglichst lange zu Hause" zu hinterfragen und ein Heimantritt anzustreben, sagt Held. Dieser kann für beide entlastend wirken.