Wien. (jm) Transparente, Plakate und Trillerpfeifen, im Hintergrund dröhnt Punk, Metal und Deutschpop aus der Musikanlage. Die Gewerkschaft setzt ihren Protest gegen das seit September geltende neue Arbeitszeitgesetz weiter fort und hielt eine "12-Stunden-Aktion gegen den 12-Stunden-Tag" ab. Der Ort des Geschehens, der Gehsteig vor der Zentrale der Industriellenvereinigung (IV), wurde nicht zufällig gewählt. Die Industriellen hätten das Gesetz bei der Regierung bestellt, lautet die Kritik, und hätten es auch bekommen "12-Stunden-Arbeitstag? Seids deppert?", heißt es auf einem der Plakate.

Die Gewerkschafter machten ihrem Ärger Luft, jede Stunde war eine andere Branche bei der Protestkundgebung vertreten, jeweils etwas mehr als hundert Leute.

Der Kandidatur-Bauchfleck von Christian Kern für die Europawahl überlagerte bisweilen startenden Lohnverhandlungen, nun soll der gewerkschaftlich angekündigte "heiße" Herbst tatsächlich beginnen. "Wir wollen, dass die Industriellen spüren, dass sie der 12-Stunden-Tag Geld kosten wird bei den Lohnverhandlungen", sagte Willi Mernyi, ÖGB-Organisationschef. "Da werden wir ordentlich Druck machen." Das Gesetz sei von der Industriellenvereinigung über die "Bande Kurz" an den Sozialpartnern vorbei gespielt worden. Daher dürfe die Wirtschaft jetzt auch nicht sensibel sein, wenn Kritik aufkommt. Dies werde jedenfalls nicht die letzte Protestkundgebung sein, sagte Mernyi.

Bei 30 Grad am Fließband


Aber auch eine Passantin, eine Lehrerin aus Wien, meldete sich "aus Solidarität" zu Wort. Sie glaube nicht daran, dass die 12-Stunden-Einsätze freiwillig sein werden. Sie betreffe das neue Arbeitszeitgesetz zwar nicht, aber sie werde es trotzdem spüren, "weil die Eltern unserer Schülerinnen und Schüler ganz sicher davon betroffen sein werden". Familien könnten dadurch ihre Familienzeit schlechter planen, wenn kurzfristig Überstunden anfielen. "Eltern müssen das Recht haben, sich um ihre Kinder kümmern zu können", sagt die Lehrerin. "Wir werden das merken, wenn das nicht funktioniert."

"Das ist alles Scheiße", formulierte es Alexander Seidl, der Wiener Jugendvorsitzende der Produktionsgewerkschaft Pro-Ge, etwas salopper. Seidl und seine Kollegen im Opel-Werk am Wiener Stadtrand Aspern stünden bei 30 Grad am Fließband. Da seien acht Stunden schon mühsam, "dass ich vor lauter Müdigkeit nicht mehr gescheit heimfahren kann".

Manche Kollegen würden jeden Tag zwei Stunden aus den Bundesländern ins Werk pendeln, die hätten es noch schwerer. "Die, die das Gesetz haben wollten, sollen selber einmal im Werk arbeiten, ich lade sie gerne ein", sagte Seidl. Bei Opel-Aspern treffe das neue Arbeitszeitgesetz auf breiten Widerstand. Ob der 12-Stunden-Tag auch sein Werk dennoch treffen wird, traute sich Seidl nicht zu sagen. "Deswegen bin ich heute hier, dass es nicht passiert."

Vor 100 Jahren, sagt der Vorsitzende der Pro-Ge, Rainer Wimmer dann, sei der Acht-Stunden-Tag umgesetzt worden. Aber nicht die Arbeitgeber, sondern die Arbeitnehmer hätten jahrzehntelang dafür gekämpft. Es sei schon vor dem neuen Gesetz möglich gewesen, zwölf Stunden zu arbeiten, und ja, es sei manchmal nötig gewesen, so Wimmer, aber in geschützter und kontrollierter Form. "Wer zwei Mal ‚Nein‘ sagt, steht ab jetzt auf der Liste."

Die IV bezeichnete die Protestaktion der Gewerkschaft als "legitim", sah sich aber als der "falsche Adressat" des Ärgers. Sie könne keine Reformen bei der Regierung bestellen, hieß es.

Die Industriellen stellten ebenfalls Plakate vor Ort auf. "Moderne Arbeitszeiten für moderne Menschen" stand darauf. Sie wurde aber im Laufe des Nachmittags wieder entfernt. Offenbar hatte die IV keine Genehmigung dafür. Dazu will sie nichts sagen.