Wien. Der Arbeitsmarkt verändert sich mit der zunehmenden Digitalisierung genauso wie die Arbeit der Beschäftigten. "Digitalisierung passiert aber nicht von alleine. Die Beschäftigten wollen mitbestimmen, wie die Arbeitswelt der Zukunft aussieht", sagt Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl. Für sie stellen sich Fragen, zum Beispiel nach notwendigen Qualifikationen, oder "wie Crowd-Worker beim internationalen Gegenüber ihre Arbeitsrechte einfordern können".

Gemeinsam mit dem "Innovation in Politics"-Institut machte sich die Arbeiterkammer unter dem Titel "Digital works for people" im Rahmen einer europäischen Konferenz zu Arbeit in der digitalen Welt auf die Suche nach Antworten darauf - und fand sie unter anderem bei 18 internationalen Best-Practice-Beispielen.

Digitales Arbeiten mitgestalten


Die Deutsche Bahn AG tritt der Vereinzelung der Beschäftigten, die mit der Digitalisierung oft einhergeht, mit einem neuen Mitbestimmung-Modell entgegen. Peggy Schreiber-Geyer koordiniert das von Personalvorstand und Konzernbetriebsrat gemeinsam initiierte Projekt.

Man experimentiert dabei, hat den Mut, manche Idee auch wieder zu verwerfen - und kreiert Prototypen, die man im 198.000 Mitarbeiter großen Konzern umsetzen kann. Einer davon ist zum Beispiel das "Townhall-Meeting", eine Betriebsversammlung, die das Interesse der Mitarbeiter weckt, sodass sich diese daran (wieder) beteiligen. Neu ist der Mix aus Online-Beteiligung, etwa eine Themensammlung im Vorfeld, was für die Mitarbeiter gerade relevant ist, und Marktständen in Real-World zur Diskussion ausgewählter Themen.

Politik wie etwa Lohnverhandlungen bleibt dabei bewusst außen vor, weil da weiterhin die Kontroverse gefragt ist. Denn damit die Meetings gelingen, müssten Arbeitgeber und Arbeitnehmer-Vertreter "ein Stück weit aus der eigenen Rolle heraustreten", sagt Schreiber-Geyer. Dazu sei mehr Vertrauen in die Ideen von Mitarbeiter notwendig, denn: Diese haben hier mehr als früher das Sagen. "Damit hat sich die Beteiligung auf 80 Prozent verdoppelt", stellt Schreiber-Geyer fest.

Digitale Qualifizierung


Werner Fritz, Leiter der Kundenmanagement Asfinag Maut Service GmbH, erläutert, wie das rund 100 Leute große Subunternehmen mit einer neugeschaffenen Ausbildung zum "digitalen Kundenprofi" Mitarbeitern, deren Tätigkeit mit der Digitalisierung sich ändern oder wegfallen, neue Jobchancen geschaffen wurden.

Maßgeschneiderte Inhalte in kurzen, höchsten halbtägigen Modulen, an denen Mitarbeiter freiwillig teilnehmen, nennt Fritz als Erfolgsgaranten für die Akzeptanz der neuen Weiterbildung. Dazu "eine offene Kommunikation darüber, wohin der Weg mit der Digitalisierung führt". Auch ein direkter Draht mittels Projektpräsentationen der betroffenen Mitarbeiter über Hierarchieebenen hinweg zum Vorstand stärke das gegenseitige Verständnis.

Denn: "Natürlich gehen Jobs verloren, aber so können die, die das wollen, beim Schaffen neuer Arbeitsprofile selbst mitwirken", sagt Fritz - so geschehen etwa mit einer Redaktion zum Chatbot als zusätzlichem Beratungskanal.

Als Crowd Rechte einfordern


Mit "FairCrowd.Work" haben AK und ÖGB gemeinsam mit der deutschen Gewerkschaft IG Metall und der schwedischen Unionen eine Informationsplattform für Crowdworker aufgebaut, damit diese ihre Rechte leichter als heute einfordern können. Außerdem können sich auch selbstständig Tätige gewerkschaftlich vernetzen und eine Ombudsstelle ist im Aufbau.

Die "Fair.work"-Foundation, ein britisches Projekt des Oxford Internet Instituts, das in Südafrika und Indien bereits umgesetzt ist, stärkt die Crowd, "indem sie die Rollen tauscht", wie Initiator Mark Graham erläutert. Crowd-Worker bewerten also auch ihrer Auftraggeber - und zwar nach festgelegten Kriterien: faire Bezahlung, Arbeitsbedingungen, Transparenz, Verträge - und wie all das von "Arbeitenden" mitgestaltet werden kann. Das Ziel des Rankings: "Auftraggeber verbessern schlecht Bewertetes, damit die Crowd sie weiter findet und nicht zu anderen weiterzieht."