Zu den ersten Frauen im Parlament zählten Adelheid Popp, Therese Schlesinger, Anna Boschek, Emmy Freundlich, Maria Tusch, Amalie Seidel (im Bild, vorne links beginnend) und Gabriele Proft für die Sozialdemokratische Arbeiterpartei sowie die Christlich-Soziale Hildegard Burjan. - © Foto: Welt-Press-Photo, ÖNB-Bildarchiv, picturedesk.com
Zu den ersten Frauen im Parlament zählten Adelheid Popp, Therese Schlesinger, Anna Boschek, Emmy Freundlich, Maria Tusch, Amalie Seidel (im Bild, vorne links beginnend) und Gabriele Proft für die Sozialdemokratische Arbeiterpartei sowie die Christlich-Soziale Hildegard Burjan. - © Foto: Welt-Press-Photo, ÖNB-Bildarchiv, picturedesk.com

Wien. 2018, im Jahr des mehrfachen Gedenkens, ist es der zweiten Nationalratspräsidentin Doris Bures wichtig, "Frauenstimmen" zu hören. Denn: "Die Darstellung der Geschichte ist eine verzerrte, der Männer, der Mächtigen, der Eliten." Mit einer Lesung aus Texten von Vertreterinnen der "historischen Wendepunkte" - darunter Therese Schlesinger für das Jahr 1918, der Rüstungsarbeiterin Anna T. für die Zeit nach 1938 oder Erica Fischer für 1968 - sorgte Bures für ein Stück Entzerrung.

Denn die drei Gedenkjahre haben für Frauen zusätzliche und andere Bedeutung als für Männer, wie Maria Mesner, stellvertretende Vorständin des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Wien, darüber hinaus aufzeigt.

1918 - als die Frauen
das Wahlrecht erhielten

Am 12. November haben Frauen Grund, nicht nur die Ausrufung der Ersten Republik zu feiern. Denn das Gesetz über die Staats- und Regierungsform spricht erstmals vom "allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Stimmrecht aller Staatsbürger ohne Unterschied des Geschlechts". Es ist die Geburtsstunde des Frauenwahlrechts. Männer hatten es bereits mit der Reichsratswahlordnung 1907 erhalten. Mehr noch: "Frauen erhielten auch das Recht, sich politisch zu betätigen", sagt Mesner. Davor war "Ausländern, Frauenspersonen und Minderjährigen" die Mitgliedschaft in politischen Vereinen verboten. "Insofern sorgte das Jahr für einen ganz deutlichen Unterschied insbesondere für Frauen."

Österreicherinnen , wie hier am 12. März 1938 in Linz, begrüßten Adolf Hitler und den Nationalsozialismus nicht weniger als Männer. - © amw/Interfoto/picturedesk.com
Österreicherinnen , wie hier am 12. März 1938 in Linz, begrüßten Adolf Hitler und den Nationalsozialismus nicht weniger als Männer. - © amw/Interfoto/picturedesk.com

Für Arbeiterinnen übrigens noch mehr als für reiche Frauen, um die sich die Familie kümmerte, wie Therese Schlesinger, die mit sieben anderen im Jahr darauf als erste Frauen ins Parlament einzog, feststellte. Sie schrieb Ende 1918 in der Arbeiterzeitung über die "Proletarierin": "Sie ist buchstäblich von der Wiege bis zum Grabe mit ihrer ganzen Existenz von der Beschaffenheit des öffentlichen Lebens abhängig." Wegen Themen wie Kindergärten, Witwen- und Waisenpflege, "bedürfte es der Teilnahme der Arbeiterfrauen an der Gesetzgebung", schrieb Schlesinger.

Aber nicht nur das: "Frauen wurden mit dem aktiven Wahlrecht als Wählerinnen relevant", sagt Mesner. Konkret lag die weibliche Beteiligung bei der Wahl der Konstituierenden Nationalversammlung am 16. Februar 1919 bei 82 Prozent aller wahlberechtigten Frauen, jene der Männer bei 87 Prozent: "Frauen konnten nun ihren politischen Willen ausdrücken. Die Parteien mussten Frauen somit auch Inhalte bieten, was sie für sie tun wollen." - "Frauen haben Politik gemacht und Politik wurde nun auch an Frauen adressiert."