Gemischte Schulklassen

Es war eine lokale Bank, die sich nur wenige Monate nach der Grenzöffnung dafür einsetzte, tschechische Schüler an die österreichische Handelsakademie zu bringen. Rund 10.000 Euro stellte die Bank zur Verfügung. Die Gmündner Schule knüpfte daraufhin Kontakt mit der Handelsakademie im 60 Kilometer entfernten České Budejovice. Erfolgreich. Ein knappes Jahr später saßen 35 15-jährige Tschechen in einer eigenen Klasse im kurz davor noch unerreichbaren Gmünd.

HAK-Lehrer Reinhard Ettmüller. - © Bernd Vasari
HAK-Lehrer Reinhard Ettmüller. - © Bernd Vasari

"Das war eine Eliteklasse", erzählt Ettmüller. "Die Lehrer in Budejovice wählten die besten Schüler aus Südböhmen aus." Jeden Tag chauffierte sie ein Bus nach Österreich und am Abend wieder nach Hause. 26 von ihnen maturierten, 14 mit ausgezeichnetem Erfolg. "Einige Tschechen entwickelten einen größeren deutschen Wortschatz, als die Österreicher", sagt Ettmüller.

Die nächste Schulstufe wurde bereits in gemischten Klassen unterrichtet. Unter ihnen der tschechische Schüler Jaromir Koc. "Ich war eines der Versuchskaninchen", sagt er heute und lacht. Rechnungswesen, Betriebswirtschaftslehre, Staatsbürgerschaftskunde. "Das ganze Programm auf Deutsch", erinnert sich Koc. "Ich musste sogar die österreichische Bundeshymne lernen." Ob das für ihn nicht komisch war? "Ich hatte kein Problem mit Österreich. Ich hatte das Glück, nette Menschen kennenzulernen."

Als er zum ersten Mal in der Klasse stand, schwiegen sich beide Seiten an. "Ich hatte Angst. Sie hatten Angst. Das legte sich aber", sagt er. Bald fand er Freunde, ein Lehrer nahm ihn zum Fußballspielen mit, er spielte Theater im Waldviertler Hoftheater im benachbarten Pürbach.

Mit seinen mit Gel nach hinten frisierten, schwarzen Haaren, T-Shirt, lockeren Umgang, fungiert Koc als Eisbrecher zwischen den beiden Gemeinden. Er ist die Schnittstelle zwischen Velenice und Gmünd, vermittelt Kontakte, steht als Dolmetscher zu Verfügung, pflegt ein enges Verhältnis zu beiden Seiten. Auf seine Schulzeit angesprochen, zeigt er sich dankbar. "Hätte ich österreichische Schüler um mich gehabt, die mit Tschechen nichts zu tun haben wollten, wäre alles anders für mich gelaufen", sagt er.

Koc erzählt von Lehrern, die von Schülern verlangten, den Schulstoff auswendig zu lernen. "Ich habe oft etwas gelernt, was ich zur Gänze nicht verstanden habe." Ein anderer Lehrer wurde als Kind von Velenice vertrieben. "Er erzählte mit Tränen in den Augen seine Geschichte. Trotz allem, was er erlebt hat, war er zu uns immer freundlich." Und dann waren da noch die österreichischen Mitschüler. "Sie wollten nicht richtig Tschechisch lernen", sagt er und schüttelt den Kopf. "Sie wollten nur die Übersetzung von Schimpfwörtern, Bier und Ähnlichem."