Viktor Adler, der große Einiger und damit Begründer der Stärke der Partei? Oder der Bremsklotz des revolutionären Elans des Wiener Proletariats? Wer verstehen will, was das politische Wesen des Begründers der SDAP ausmachte, muss ernst nehmen, wo Adler herkommt. Wie sein Vater, der mit Immobiliengeschäften in Wien ein beträchtliches Vermögen gemacht hatte, war Adler in jüngeren Jahren überzeugter Deutschnationaler und im Umfeld der Anhänger von Georg von Schönerer aktiv - wenn auch mit einer sehr früh und stark ausgeprägten sozialen Ader. Von Adlers sozialen Anliegen wollten die Schönerianer bald nichts mehr wissen. Der immer aggressiver werdende Antisemitismus der Deutschnationalen führte zum Bruch und zur Hinwendung zur - in radikale und weniger radikale Vereine und Vereinigungen zersplitterten - Arbeiterbewegung. Zeit seines Lebens wurde Adler Ziel von antisemitischen Attacken, wohl auch deshalb tritt er, gemeinsam mit seinem Vater, in den 1880er Jahren aus der Israelitischen Kultusgemeinde aus. Wie so viele Wiener damals will Adler seine als Stigma erlebte jüdische Herkunft abstreifen. Ein klassischer assimilierter Wiener Jude, vermögend und bürgerlich - und vor allem hochgebildet. Der promovierte Mediziner arbeitet als Armenarzt, lässt sich im 9. Bezirk in der Berggasse in einem Haus nieder, das später Sigmund Freud bewohnen sollte. Und Adler beginnt rege internationale Beziehungen zu pflegen. Bald zählen Friedrich Engels und August Bebel zu seinen engen Vertrauten. Mit Engels, der ihn auch finanziell unterstützt, pflegt Adler bis zu seinem Lebensende eine enge Freundschaft. In seinen Briefen an den großen Denker und Marx-Mitstreiter, nachzulesen in einem Büchlein des Wiener Publizisten Robert Misik, erleichtert sich Adler über die oft mühsame Parteiarbeit: "Aber der tägliche, stündliche Kampf mit der Dummheit, Kleinlichkeit, Brutalität im eigenen Lager, das wird nie gewogen, das versteht auch keiner, der es nicht durchgemacht."

Adlers Beziehungen verleihen ihm parteintern Gewicht, wo es ihm an eigener Hausmacht fehlt. Zu einer idealen Integrationsfigur macht ihn vor allem sein enormes publizistisches Gewicht. Kaum bekannt ist, dass Adler einer der ersten Investigativjournalisten der Geschichte war. Er schleicht sich in die Wienerberger Ziegelwerke ein, in einer Serie von aufsehenerregenden Artikeln in der "Gleichheit" prangert er das Elend der Arbeiter an, er wird ihre Stimme. Nach dem Verbot der "Gleichheit" entfaltet Adlers Publizistik in der "Arbeiterzeitung" eine "ungeheure Deutungsmacht", sagt Oliver Rathkolb. Für den Wiener Zeithistoriker überwiegt bei Adler deutlich dessen reformistische Grundhaltung. Adler verhindert einen Generalstreik, freut sich in einem Brief an Engels, dass in der Partei "die letzte Spur von Anarchisterei verschwunden ist". Er verhandelt mit der Regierung über die soziale Frage - und Adler will die Monarchie retten.

Die innerparteiliche Debatte, vor allem zwischen Adler und Bauer, über die Haltung zum Habsburgerreich und zur großdeutschen Frage, ist auch als Geschichte des schon im ausgehenden 19. Jahrhunderts beginnenden Niedergangs der k.u.k. Monarchie zu lesen. Er habe "immer eine zweite Option gehabt", unterstreicht Rathkolb den Pragmatismus Adlers: "Noch in seiner letzten Rede vor der provisorischen Nationalversammlung am 21. Oktober 1918 drängt Adler auf einen freien Völkerbund als Nachfolger der Monarchie. Erst als zweite Option will er den Anschluss an das Deutsche Reich." Für Bauer, überzeugter Anhänger des Anschlusses, kam die Fortführung der Monarchie als Völkerbund nicht in Frage.

Variantenreichtum und Pragmatismus - Eigenschaften, die zweifelsohne Generationen von sozialdemokratischen Politikern zum Erfolg genutzt hatten. "Ich bin Optimist durch und durch, aus Temperament und aus Prinzip. Aus Temperament - dafür gibt es weder Vorwurf noch Entschuldigung, aus Prinzip, weil ich glaube, bemerkt zu haben, dass nur der Optimismus was zuwege bringt. Der Pessimismus ist seiner Natur nach impotent." Im Brief Adlers von 1890 an seinen Bruder Siegmund findet sich die Essenz seines Denkens.

Die Ausrufung der Republik erlebte der pragmatische Einiger der Sozialdemokratie nicht mehr. Am 11. November, einen Tag
vor dem definitiven Ende der Monarchie, stirbt Viktor Adler im Alter von 66 Jahren in Wien. Am nächsten Tag, es ist der Geburtstag der Ersten Republik, scheitert ein Putschversuch der Kommunisten.