Wien. "Zu Beginn der Sitzung sprach der Bürgermeister den sozialdemokratischen Mitgliedern der Konferenz zu dem schweren Verluste, den die Partei durch das Ableben ihres Führers Dr. Viktor Adler erlitten, das tiefste Beileid aus." In ihrer Ausgabe am 12. November 1918 berichtet die "Wiener Zeitung" ausführlich über die Würdigungen, die Viktor Adler im Wiener Gemeinderat wie auch im Reichsrat zu Teil wurden - auch von christlichsozialen und deutschnationalen Abgeordneten.

Adler stirbt zu einer Zeitenwende. Der Krieg ist zu Ende, die Monarchie ist Geschichte. Was der Bericht an jenem schicksalhaften Tag in der Folge ausführt, spiegelt nichts Geringeres als den vorläufigen Höhepunkt der Bestrebungen der damals noch jungen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP): "Mit Rücksicht auf die künftig bevorstehende starke Vertretung der Sozialdemokraten im provisorischen Gemeinderat ergibt sich die Notwendigkeit, dieser Partei eine erhebliche Vertretung im Präsidium des Gemeinderates sowie im Wiener Stadtrat und in den Ausschüssen des Gemeinderates einzuräumen." Es ist der Beginn der Hochzeit des "roten Wiens", das ohne die Leistungen des Arztes, Journalisten und Politikers undenkbar wäre.

Die Hochburg der österreichischen Sozialdemokratie dankte es ihrem Gründervater mit steinernen Ehrungen. Bekannt ist der Viktor-Adler-Markt in Favoriten, am Ring findet sich Adlers Büste am Denkmal der Republik zwischen Ferdinand Hanusch und Jakob Reumann, ein Gemeindebau wurde nach ihm benannt. Unweigerlich kommt Robert Musils Wort von der österreichischen "Kultur des Vergessens, die sich als Kultur der Erinnerung tarnt", in den Sinn. Steinerne Ehrungen sollen Adlers Andenken Genüge tun, er selbst und vor allem sein politischer Weg liegen heute für viele Österreicher im Dunkeln.

Das mag auch daran liegen, dass Adler in der sozialdemokratischen Erinnerungskultur nie aus dem Schatten Otto Bauers, des Begründers des Austromarxismus, hervorzutreten vermochte. Bauers theoretische Arbeit bleibt für die Partei lange programmatisch, war vor allem in der Ära Kreisky und noch bis in die 80er und 90er Jahre ideologischer Referenzpunkt. Was von Adler bleibt, sind Marksteine: Der Hainfelder Einigungsparteitag 1888, der Reformer und Revolutionäre zusammenfinden ließ, das Brünner Programm 1899, sein zentrales Mitwirken an der Einführung des allgemeinen Männerwahlrechts 1906 und vor allem seine publizistischen Leistungen in den von ihm gegründeten Blättern "Gleichheit" und der "Arbeiterzeitung". Ein großer Marxist und Theoretiker war Adler nicht. Auch das mag mitspielen, wieso manche Linke bis heute in ihm bisweilen einen Grundsteinleger der parteinternen Bürokratie sehen, deren lähmende Auswirkungen die Partei gerade jetzt (vorerst erfolglos) zu beseitigen versucht - weil Parteien jetzt auf postdemokratische Weise eine "Bewegung" sein müssen, um reüssieren zu können. Für andere ist Adler heute eine neu entdeckte Ikone der Integration und des Kompromisses, der Basisarbeit, der Integrität und Bodenständigkeit, von der sich die von internen Intrigen gebeutelte und orientierungslose Parteispitze bitteschön dringend eine Scheibe abschneiden möge.