"Ich kenne Leute, die gefahren sind. Sie haben Frau und Kind. Ich hätte mir das nie gedacht."

Gerasdorf in Niederösterreich. Die einzige Strafanstalt für männliche Jugendliche. Ein Insasse erzählt über Tschetschenen, die sich Terrormilizen wie IS in Syrien angeschlossen haben. Nennen wir ihn Rustam D. Er will anonym bleiben, so wie viele Gesprächspartner, die über den Dschihad der Tschetschenen reden. Die härtesten Burschen geben sich bei diesem Thema zugeknöpft. Einzig ein Veteran aus zwei Tschetschenienkriegen wird mit seinem Namen sprechen.

Illustrationen: Peter M. Hoffmann
Illustrationen: Peter M. Hoffmann

Image-Super-GAU

Tschetschenen. 15.000 leben in Wien, 30.000 in ganz Österreich. Das ist die größte Exil-Community außerhalb Tschetscheniens. Sie flüchteten vor dem zweiten Tschetschenienkrieg, der von 1999 bis 2009 das Gebiet in Schutt und Asche legte. Nun sind sie hier und sie haben ein mächtiges Imageproblem. Das haben auch Türken oder Georgier. Aber keine Volksgruppe hat in Österreich je einen so rapiden Imageverlust erlebt wie Tschetschenen. "Vater droht in Millenniums-City mit Bombe". Tschetschene. "Schießerei zwischen Familienclans." Tschetschenen. "Mord in Linz." Angeblich Tschetschene. Boston-Marathon-Attentat. Tschetschene.

Und schließlich die Statistik, die Österreich verändert hat. 150 Austro-Dschihadisten zogen von Österreich aus in den Heiligen Krieg nach Syrien. Mehr als die Hälfte davon sind Tschetschenen. Vorbei mit der Insel der Seligen. In internationalen Analysen gilt Österreich als Kernland für den Dschihad-Export. Ausschlaggebend dafür ist der "Sonderfaktor Tschetschenen".

Für FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache sind sie Feindbild Nummer 1. Er will alle überprüfen.

Mythos und Schweigen

Warum Tschetschenen? Dieses "Warum" wird genährt von den täglichen Berichten über den IS-Terror. Und es wird genährt vom Schweigen der Tschetschenen, die keine Öffentlichkeit haben - keinen Sprecher, Prominenten, religiösen Führer, der sie verteidigt, ein anderes Bild von ihnen - einen Gegenentwurf -zeichnet. Der darauf verweist, dass ein paar Dutzend IS-Kämpfer nicht eine Gruppe aus 30.000 Menschen repräsentieren; darauf, dass Tschetschenen in den Gefängnissen zwar überrepräsentiert sind, aber mit weit unter 100 Inhaftierten nicht die Gefängnisse sprengen; darauf, dass sie im Unterschied zu anderen Gruppen mit Prostitution und Drogenhandel nichts am Hut haben; darauf, dass sie im Grunde gerne arbeiten; darauf, dass Tschetschenen auch studieren oder ins Gymnasium gehen, wie die Töchter des Veteranen; darauf, dass die meisten Tschetschenen ein bescheidenes Leben führen und wie alle anderen Flüchtlinge schauen, wie sie über die Runden kommen.

So lebendig die Tschetschenen untereinander tratschen - manche meinen, heftiger als die Italiener - so stumm ist die Community nach außen. Das liegt teils an der Angst vor dem russentreuen Machthaber Ramsan Kadyrow in Grozny und seinen "Augen und Ohren" in Wien, teils an den schlechten Deutschkenntnissen.

Ohne Gegenerzählung wächst der Mythos vom gewaltbereiten, fanatischen Tschetschenen, der "nichts fürchtet außer Gott" - so beschreiben sich junge Tschetschenen in Parks gerne selbst.

Die Spurensuche nach dem "Warum" beginnt in einem Restaurant nahe der Justizanstalt Josefsstadt ("Landl"). 40 Tschetschenen sitzen hier. Ein Justiz-Experte aus dem Landl hat eine mögliche Antwort auf das "Warum", eine Erklärung für die auffällig große Zahl an Austro-Dschihadisten in Syrien: "In der Türkei gibt es seit dem 19. Jahrhundert eine tschetschenische Diaspora. Zwischen den türkischen und österreichischen Tschetschenen hat sich ein starkes Netzwerk gebildet. Über diese Schiene könnte der Transport der Syrien-Kämpfer laufen." Von neun Dschihad-Touristen, die jüngst an der österreichischen Grenze an der Ausreise gehindert wurden, war ausgerechnet der Schlepper ein Türke.

Wien, Favoriten, ein Segafredo am Keplerplatz. Treffen mit dem 25-jährigen Ismail F. (Name von der Redaktion geändert). Er arbeitet in einem Lokal, das auch Tschetschenen frequentieren. Er spricht über die Welt der Straße, der Parks, der Banden, in der die IS-Propaganda auf fruchtbaren Boden fällt.

Etliche tschetschenische Syrien-Kämpfer will er persönlich kennen, oder zumindest Leute, die damit angeben. "Einer erzählt hier überall herum, er habe in Syrien Menschen geköpft. Dann geht er ganz normal arbeiten."

F. ist im 5. Wiener Bezirk mit Tschetschenen in die Schule gegangen, hat mit ihnen gespielt, beim Karate-Training geschwitzt. Er war ihnen nahe, jetzt sind sie ihm fern. "Du sagst Servus, und der Typ ermahnt dich: ,Das heißt: Salem aleikum.‘ Es ist ein kaltes, herzloses Grüßen. Es vermittelt Dir: Werde so wie wir, sonst kann ich nicht mehr mit Dir reden."

F. ist selbst Migrant, selbst Moslem. Die Tschetschenen seien aber "anders". "Wenn wir im Park gerauft haben, waren sie aggressiver als die anderen. Wenn Du einen besiegt hast, schlugen Dich 20. Hast Du mit einem Stress, hast Du mit allen Stress."