Wien. Der Bau eines Tunnels hat im Mühlviertel ein eklatantes ökologisches Problem ausgelöst. Nach Sprengarbeiten vor zwei Jahren sackte in der Region darüber das Grundwasser rapide ab. Die Brunnen der ansässigen Bauern versiegten, ein Bachlauf versandete völlig, einst ertragreiche Felder lagen plötzlich karg da. Und so ist die Situation bis heute geblieben, wie die "Wiener Zeitung" bereits Mitte August berichtete. Grund ist der Ausbau der Schnellstraße S10 im Mühlviertel, die zu einem Prestigeprojekt geworden ist. Nun muss die verantwortliche Infrastrukturgesellschaft Asfinag auf Druck der oberösterreichischen Landesregierung reagieren.

Durch die "Wiener Zeitung" auf die Missstände aufmerksam gemacht, fordert das Amt die Asfinag auf, zumindest den sogenannten Loibersdorfer Bach wieder mit Wasser zu dotieren. Die Pläne für ein entsprechendes Projekt liegen den Behörden bereits vor. Die durch den Tunnelbau abgeführte Wassermenge soll dem Bach über Pumpen wieder zugeführt werden. Momentan wird das Vorhaben von Gutachtern geprüft, wie die Abteilung Anlagen-, Umwelt- und Wasserrecht der Landesregierung bestätigt.

Erhebliche Ernteausfälle
der Bauern

Diese erzwungene Schadensbegrenzung wird das ökologische Problem der Region jedoch kaum lösen. Denn die künstliche Wiederbelebung eines Baches macht die erfolgte Grundwasserabsenkung nicht wieder rückgängig. "Ein Tunnel kann den Effekt einer riesigen Drainage haben", erklärt Thomas Ertl vom Institut für Siedlungswasserbau, Industriewasserwirtschaft und Gewässerschutz der Universität für Bodenkultur Wien. "Das unterirdische Wasser wird wie ein Sack Wasser von unten angestochen und fließt ab."

In erster Folge versiegen Brunnen und Bäche. Diese Konsequenzen sind jedoch keinesfalls die einzigen. Flora und Fauna können sich grundlegend verändern, Feuchtbiotope können austrocknen, ganze Wälder absterben. Im betroffenen Gebiet - den Ortschaften Loibersdorf, Gauschitzberg und Pfaffendorf - klagen die Bauern über erhebliche Ernteausfälle. Die extreme Hitze des Sommers sei keinesfalls der einzige Grund für die leeren Heuböden und dürren Felder dieses Jahres. "Die ohnehin spärlichen Erträge liegen noch einmal deutlich unter denen benachbarter Gebiete - praktisch bei null", sagt ein ansässiger Landwirt.

"Bei uns hat es schon immer wenig geregnet, die Ernten fielen früher aber trotzdem meist gut aus, weil die hydrogeologischen Grundverhältnisse gut waren." Vor dem Bau des Tunnels lag der Grundwasserspiegel rund 80 Zentimeter unter der Geländeoberfläche. Das sind optimale Bedingungen für das Wachstum von Gräsern. Nun muss man jedoch schon einige Meter tief graben, um auf Wasser zu stoßen. In trockenen Sommern wirkt sich die fehlende Versorgung durch das Grundwasser besonders negativ auf die Erträge aus. "Wenn von unten und oben kein Wasser kommt, ist die Situation denkbar schlecht."

Risiko war schon vor
Bauarbeiten bekannt

Dabei waren die Folgen des Tunnelbaus bereits vor dem ersten Spatenstich absehbar. Schon im Jahr 2009 wurde in einem Gutachten des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie vor einem Absinken des Grundwasserniveaus gewarnt. "Da die Grundwasserabsenkung ohne Maßnahmen sich somit quantitativ massiv während der Vortriebsphase auf alle Brunnen und Quellen sowie wahrscheinlich auch auf die Oberflächengewässer auswirken wird und diese Auswirkungen auch während einer ersten Betriebsphase bis fünf Jahre weiter bestehen bleiben, sind entsprechende Maßnahmen unbedingt notwendig", heißt es darin.

Mittlerweile geht die Wasserrechtsbehörde jedoch davon aus, dass sich der Grundwasserpegel auch nach den besagten fünf Jahren nicht wieder heben wird. Es stellt sich also die Frage, ob die Asfinag die geforderten Vorkehrungen während der Bauarbeiten auch tatsächlich getroffen hat. Konkret hätte sie die wasserführenden Klüfte im Tunnelbereich abdichten müssen. "Die vorgeschriebenen baulichen Maßnahmen wurden selbstverständlich ergriffen", sagte Franz Sempelmann, der stellvertretende Projektleiter des Bauabschnitts, im Sommer zur "Wiener Zeitung". Dies könne aber erst nach der Freigabe des Tunnels für den Verkehr Ende 2015 überprüft werden, erwiderte damals Rosemarie Friesenecker von der Abteilung Anlagen-, Umwelt- und Wasserrecht der oberösterreichischen Landesregierung.

Der Ausbau der Schnellstraße S10 ist längst ein Prestigeprojekt der Politik. Auf unterschiedlichen Abschnitten wird eifrig gebaut. Zwischen der Gemeinde Unterweitersdorf und der Staatsgrenze zur Tschechischen Republik soll ein riesiges Verkehrsaufkommen möglichst schnell und ungesehen abgefertigt werden. Die ebene Trassenführung zerschneidet die hügelige Landschaft des Mühlviertels. Die Gegend verändert sich. Durch Tunnel und Unterflurtrassen sollen Anrainer, Ortschaften und Gemeinden entlastet werden. Doch eine Entlastung von Abgasen und Autolärm kann auch zu einer Belastung führen, für Flora, Fauna und die Landwirtschaft.