Veracruz. Die neuste Information kommt per Lautsprecher: "Unser nächstes Ziel ist Sayula de Aleman", ruft die Stimme auf der Bundesstraße 185. Die führt von der kleinen Ortschaft Matias Romero im Bundesstaat Oaxaca über die Grenze nach Veracruz - das nächste Etappenziel der Migrantenkarawane aus Honduras, die sich Tag für Tag in Richtung USA vorkämpft. Rund 7000 Menschen haben sich zusammengefunden, die meisten aus der honduranischen Metropole San Pedro Sula. Aber auch aus Guatemala und El Salvador sind Migranten dabei. Sie alle haben nur ein Ziel: nach Norden, in die USA.

Wie Juan (17) aus San Pedro Sula. Er ist mit der ganzen Familie seit dem ersten Tag dabei. "Wir suchen eine neue Chance, ein besseres Leben", sagt Juan. In der Heimat hat er in einer kleinen Boutique gearbeitet. Für eine Handvoll Pesos. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel, sagt der junge Mann. Dazu kommen die Gewalt und die Erwartung, dass es in den nächsten Jahren nicht besser wird in dem krisengeschüttelten Land, das durch politische Unruhen, aber eben auch durch Gewalt und Kriminalität der gefürchteten Mara-Banden erschüttert wird. Jetzt marschiert Juan für eine bessere Zukunft. Erst durch Honduras, dann durch Guatemala und inzwischen durch den Süden Mexikos, der eigentlich besonders gefährlich ist für Migranten. Doch diese ungeschriebenen Regeln gelten plötzlich nicht mehr. Zu groß ist die Gruppe, als dass Angreifer wagen, sie zu attackieren. Chiapas, Oaxaca und Veracruz sind Mexikos berüchtigte Bundesstaaten für Flüchtlinge, die sich bis dato auf eigene Faust auf den Weg Richtung US-Grenze gemacht haben.

"Hunderttausende verschwunden"

"Hunderttausende sind in den letzten Jahrzehnten spurlos verschwunden. Opfer von Raubüberfällen, Entführungen und Vergewaltigungen geworden", sagt Moritz Krawinkel. Der deutsche Helfer vom Hilfswerk "medico international" begleitet die Karawane seit einigen Tagen. Er ist überzeugt, dass die Regeln der Migration aus Mittelamerika mit dieser Karawane neu geschrieben werden. "Der Schutz der großen Gruppe funktioniert und ermöglicht so Dinge, die vorher undenkbar waren. Diese neue Migrationsform könnte Schule machen."

Was das heißt, ist an diesem Tag auf der Bundesstraße 185 zu erleben. Ein klein bisschen hat diese Karawane etwas von der Tour de France. Im Fernsehen sehen die Anwohner entlang der Strecke, wo sich die Migranten gerade befinden. Kommt der Treck an ihrem Dorf vorbei, gehen viele Nachbarn an die Straße, reichen Bananen, Äpfel, Butterbrote. Autos halten an, Familienväter springen heraus und verteilen Wasserflaschen. "Gracias Mexico", rufen die Migranten. Sie selbst sind überwältigt von dieser Freundlichkeit, die sie so nicht erwartet hätten. An diesem Tag, so haben es die Migranten entschieden, soll eine Teilstrecke von 120 Kilometern überwunden werden. Ein strammes Programm, das zu Fuß nicht zu erreichen ist. Doch viele Mexikaner helfen.