Wien. (leg) Nach der Ermordung von rund sechs Millionen Juden im Holocaust und der Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nationalsozialisten und ihrer Mittäter dachten wohl nur wenige, dass Juden in Europa eines Tages wieder um ihre Sicherheit fürchten müssen. Doch Antisemitismus ist immer noch ein Thema. Auch die wenigen Juden, die noch in Europa leben, bekommen ihn zu spüren: Laut einer Online-Umfrage unter europäischen jüdischen Führungspersönlichkeiten fühlten sich nur noch ein Fünftel, also 20 Prozent der Befragten, an ihrem Wohnort "sehr sicher". Vor zehn Jahren waren es noch 36 Prozent gewesen.

Bereits 13 Prozent fühlen sich sehr unsicher – vor zehn Jahren waren es sechs Prozent. Und die Unheilserwartung steigt bei den Befragten: Zwei Drittel äußerten die Befürchtung, dass es in den nächsten zehn Jahren zu einer Zunahme des Antisemitismus kommen werde. Eine Auswanderung aus Europa schlossen allerdings zumindest 76 Prozent der 893 Befragten aus 29 Ländern aus.

Valide Daten, die die Stärke des globalen Antisemitismus zeigen, sind schwer zu finden. Die bisher umfangreichste Studie stammt aus dem Jahr 2014 und wurde von der Anti-Defamation League (ADL, siehe Grafik) erstellt. Sie ermittelte den Grad des Antisemitismus in mehr als 100 Ländern weltweit. Demnach seien mindestens 26 Prozent der Weltbürger, also über eine Milliarde Menschen, antisemitisch eingestellt.

Grund genug für die österreichische EU-Präsidentschaft, am heutigen Mittwoch in Wien eine internationale Konferenz zu veranstalten, die den Titel trägt: "Europa jenseits von Antisemitismus und Antizionismus – Sicherung des jüdischen Lebens in Europa". Dabei soll ein Handbuch gegen Antisemitismus präsentiert werden. Angekündigt haben sich unter anderem Moshe Kantor, der Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses (EJC), Ronald Lauder, der Präsident des World Jewish Congress (WJC), der ukrainische Außenminister Pavlo Klimkin sowie die EU-Justizkommissarin Vera Jourova. Ursprünglich hätte auch Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nach Wien kommen wollen. Er musste seine Österreich-Visite dann aber wegen der Regierungskrise in Israel absagen.

Kneissl für "mehr Realismus"

Dass in der Konferenz nicht nur von Antisemitismus, sondern auch von Antizionismus die Rede ist, gefällt nicht jedem. So traf Außenministerin Karin Kneissl (FPÖ) jüngst die christlich-palästinensische Politikerin Hanan Ashrawi. Die führende Vertreterin der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) verwehrte sich dagegen, Antisemitismus mit Antizionismus, mit der Kritik an Israel zu vermischen – und forderte "wirksame Maßnahmen" aus EU-Ländern, um "Israel für seine ungeheuerlichen Verbrechen zur Verantwortung zu ziehen".