Rio de Janeiro. Er traut sich nicht mehr aus dem Haus, verlässt seine Wohnung nur noch zu offiziellen Terminen. Rund um die Uhr wird er von drei Leibwächtern beschützt. Wenn er auf die Straße geht, brüllt trotzdem immer irgendeiner: "Schwuchtel, hau ab!" oder "Kommunistensau". Hunderte von Morddrohungen hat er in den vergangenen Wochen erhalten, die Sicherheitsdienste sagen, dass sie ernst zu nehmen sind.

"Ich fühle mich wie im Gefängnis", sagt Jean Wyllys. Der 44-Jährige ist Abgeordneter im brasilianischen Parlament, vertritt dort den Bundesstaat Rio de Janeiro. Er ist der einzige bekennende Homosexuelle der 513 Volksvertreter. Und der Lieblingsfeind des künftigen brasilianischen Präsidenten, Jair Bolsonaro. Der hat ihn über Jahre hinweg beschimpft und als "Schwuchtel" verspottet. Im Gegenzug hat der linke Wyllys das künftige Staatsoberhaupt als "Faschisten" und seine Anhänger als "Hirnlose" bezeichnet. Die Feindschaft zwischen Jean Wyllys und Jair Bolsonaro steht exemplarisch für die Radikalisierung Brasiliens.

Das Land galt einst als tolerant und gelassen, erlebt nun aber eine Welle von Intoleranz und Aggressivität. Dabei zeigt sich immer wieder, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist. Ein über Twitter geteiltes Video, wenige Tage alt: Polizisten in Rio de Janeiro schmeißen die Kadaver zweier junger Männer auf die Ladefläche eines Pick-up-Trucks. Es handelt sich offenbar um Kriminelle, die sie gerade erschossen haben. Darum herum stehen Schaulustige und applaudieren. Das Video wird auch von einem rechten Parlamentsabgeordneten verbreitet, der kommentiert: "Die Säuberung muss gemacht werden." Er gehört zu Bolsonaros Sozialliberaler Partei. Ganz oben auf deren Programm: Polizisten sollen einen Freibrief zum Töten bekommen.

"Ich habe Angst vor dem,
was auf uns zukommt"

Bolsonaro verkörpert die Radikalisierung seines Landes wie kein anderer. Der Ex-Militär wurde Ende Oktober mit 55 Prozent der Stimmen zum nächsten Präsidenten Brasiliens gewählt. Zuvor war er 27 Jahre lang Abgeordneter ohne bemerkenswerte Verdienste - seine Bekanntheit erlangte er durch verbale Ausfälle, die ihm in Europa Prozesse wegen Anstachelung zur Gewalt einbringen würden. In Brasilien aber zieht er mit 1. Jänner 2019 in den Präsidentenpalast ein, weil er einen Wandel versprochen hat. Er sagt, dass er Schluss machen werde mit der Korruption im Parlament und der Kriminalität auf der Straße. Und er will wieder Ordnung in eine Gesellschaft bringen, die in den Augen vieler Brasilianer aus den Fugen geraten ist. Zur Unordnung gehören dabei auch die zunehmende Sichtbarkeit und der Einfluss von Schwulen. Von Männern wie Jean Wyllys. "Ich habe Angst vor dem, was da auf uns zukommt", sagt Wyllys.