Denn unter der Oberfläche von Fußball, Samba und Karneval ist ein anderes Brasilien hervorgetreten. Es ist autoritär, religiös-fundamentalistisch und ignorant. Und für Menschen wie Wyllys lebensgefährlich. Einige Situationen verdeutlichen, wie sehr sich die Stimmung bereits vor dem Amtsantritt Bolsonaros am 1. Jänner verändert hat.

In den Kinos buht das Publikum, wenn im Film "Bohemian Rhapsody" gezeigt wird, dass Freddie Mercury schwul war. Wissenschafter und Lehrer sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, sie indoktrinierten ihre Schüler mit linkem Gedankengut. Kurz vor der Wahl drangen Polizisten in brasilianische Universitäten ein, beschlagnahmten Banner gegen den Faschismus und untersagten Diskussionsveranstaltungen. Sie nahmen Unterlagen von Dozenten mit und fotografierten Studenten. Künstler wiederum bezeichnet Bolsonaro als "unnützes Pack", das nur Fördergelder abgriffe. Er hat deshalb einen "großen Kulturwandel" angekündigt. Tatsächlich findet dieser bereits statt: Ausstellungen mit angeblich blasphemischer Kunst werden abgesagt und Performance-Künstler als "Dreckschweine" beschimpft, weil sie menschliche Nacktheit thematisieren. Bolsonaro nennt das "Pädophilie im Namen der Kultur" - und das christlich-konservative Brasilien applaudiert.

Schwarz, links, bisexuell
- und ermordet

Jean Wyllys schien einmal ein sehr beliebter Politiker zu sein. Im Parlament sitzt er seit 2011. Zweimal wählten Leser der Website "Kongress im Fokus" ihn zum besten Volksvertreter Brasiliens. 2015 nahm ihn der britische "Economist" sogar in die Liste der 50 wichtigsten Vorkämpfer für Vielfalt und Toleranz auf. Auch auf der Liste: Barack Obama und der Dalai Lama. Und nun? Fühlt Jean Wyllys sich wie unter Hausarrest.

Drei Personenschützer passen rund um die Uhr auf ihn auf. Sie wurden ihm im März vom brasilianischen Parlamentspräsidenten zugeteilt, nachdem die linke Stadträtin Marielle Franco in Rio de Janeiro mit vier Kopfschüssen getötet worden war.

Die 38-Jährige gehörte wie Wyllys zur kleinen linken Partei Sozialismus und Freiheit - auch Franco war schwarz, bisexuell und stammte aus einer der vielen Favelas von Rio, für deren Bewohner sie sich einsetzte. Bis heute ist nicht klar, wer Marielle Francos Mörder sind. Aber sie werden im Umfeld rechter Milizen vermutet, die Verbindungen in Rios Sicherheitsapparat haben. Jean Wyllys, schlossen die Ermittler, steht auch auf ihrer Abschussliste. Er ist in akuter Gefahr. Denn mittlerweile zirkulieren dutzende Lügen über Wyllys im Netz: Wyllys sei für die Pädophilie. Wyllys schlage vor, Teile der Bibel verbieten zu lassen. Wyllys will Kindern in der Schule das Schwulsein beibringen. "Nichts davon stimmt, aber irgendwas bleibt natürlich immer hängen", sagt Wyllys.