Buenos Aires/Wien. "In Argentinien passiert so etwas nicht", hatte Nicolás Navarro, Torhüter des bonaerensischen Fußballclubs San Lorenzo, im August 2017 selbstbewusst die Chilenen gerügt. Davor hatte der Fußballclub, bei dem sogar der Papst als Mitglied eingetragen ist, ein Auswärtsspiel in Temuco bestritten. Der Spielerbus San Lorenzos war auf seinem Weg zum Stadion von chilenischen Fans mit Steinen beworfen worden. Spieler und Betreuer wurden verletzt.

Drei Monate später übergab Deutschland die Präsidentschaft der G20 - der Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer - an Argentinien. Bundeskanzlerin Angela Merkel war euphorisch und sagte zu Argentiniens Präsident Mauricio Macri: "Lieber Herr Macri, wir sind sehr beeindruckt von dem Weg, den Sie mit Ihrem Land und mit Ihrer Regierung gehen. Ein Weg der Öffnung, ein Weg, der zu mehr wirtschaftlichem Wohlstand führen soll und zu mehr sozialer Gerechtigkeit."

Heute, ein Jahr später, liegen Argentiniens Fußball und Wirtschaft in Scherben. Das, obwohl die Voraussetzungen für Spitzenergebnisse eigentlich gegeben gewesen wären.

Zum ersten Mal in der Geschichte wird 2018 das Finale der Copa Libertadores, des südamerikanischen Pendants zur europäischen Champions League, zwischen den Stadtrivalen und Rekordmeistern aus Buenos Aires Boca Juniors und River Plate ausgetragen. Am vergangenen Samstag hätte das Match stattfinden sollen, Argentinien wollte sich von seiner besten Seite zeigen. Macri, der bevor er Präsident Argentiniens wurde, Präsident von Boca war, ging sogar so weit, eine Aufhebung des seit 2013 geltenden Verbots von Fans der gegnerischen Mannschaft in den Stadien zu fordern. Dazu kam es nicht.

Stattdessen bewarfen sogenannte Fans von River den Mannschaftsbus von Boca mit Steinen, schlugen die Scheiben ein, wodurch das Tränengas der Polizei ins Innere des Busses gelangte. Die Spieler kamen mit Schnittwunden, gereizten Augen und Atembeschwerden im Stadion an. Als Boca wegen der Geschehnisse nicht antreten wollte, drohte Fifa-Präsident Gianni Infantino mit Disqualifikation. Lediglich durch einen Schulterschluss, in dem auch River sich weigerte zu spielen, konnte eine Verschiebung des Matches auf unbestimmte Zeit erreicht werden. "Wir hatten die Möglichkeit, der Welt zu zeigen, wer wir sind. Und das ist uns perfekt gelungen", heißt es nun in argentinischen Medien.