Mossul. Der Christ Mohanad Hanna Yousif kauft seine Ware dort, wo das IS-Kalifat bis zum Juli 2017 noch seine Hauptstadt hatte. Er steigt an einem Platz im Osten Mossuls in ein Auto. "Guten Tag, wie geht es Ihnen?", sagt er auf Deutsch. Über eine frisch asphaltierte Straße geht es heraus aus der Stadt. Etliche Räumfahrzeuge stehen am Straßenrand in Lücken zwischen den Häuserzeilen. Sie rotten vor sich hin. Ihre Schilde schoben vor einem Dreivierteljahr in der westlichen Altstadt Leichen in die Bombenkrater und füllten sie mit Schutt. Die neue Stadtverwaltung weiß nun nicht, wohin mit dem schweren Gerät. Die Wiederaufbauteams haben Teer auf die Trümmer und die Toten gekippt, damit der Verkehr wieder rollen kann. Sie bauen neue Häuser. Ein neues Mossul entsteht, dessen Unterleib ein Massengrab ist. Nur die Menschen, die überlebt haben, sind dieselben geblieben.

Yousif ist guter Laune. Er hat heute in Mossul ein paar gute Geschäfte gemacht. Das wird er seiner Frau am Telefon erzählen. Sie ist mit dem Sohn in Deutschland geblieben und möchte eigentlich dort bleiben. Der irakische Christ und Familienvater hat vor einigen Monaten etwas getan, für das ihn nicht nur seine Frau, sondern auch die Asylbehörde in Bayern für verrückt erklärt haben. Sein Recht auf Aufenthalt in Deutschland als Christ aus dem ehemaligen Kalifatsland schien so sicher zu sein wie die nächste Krise im Irak. Trotzdem packte Yousif seinen Koffer, lieh sich Geld von der Familie im Irak und küsste Frau und Kind zum Abschied. "Die beiden werden nachkommen, wenn ich sie überzeugt habe", sagt er.

Es geht weiter auf dem Highway in Richtung Osten. Eine Ausfahrt führt nach rund 30 Kilometern zu einem Checkpoint. Soldaten der Ninive Protection Unit (NPU), einer christlichen Miliz, winken den Fahrer durch. Der Blick fällt auf ein meterhohes Holzkreuz einige hundert Meter hinter dem Wachposten an einer Kreuzung. Dahinter weht an einem etwa doppelt so hohen Mast die rot-weiß-schwarze Trikolore des Irak. Bauscht ein Windzug sie zu voller Größe auf, steht das Kreuz unter dem Schriftzug auf der Fahne: "Allahu Akbar" (Gott ist am größten"). Vielleicht ist es ein Zufall. Die Christen im Irak verwenden die "Takbir" genannte Formel allerdings genauso häufig wie die Schiiten und die Sunniten.

Zurück nach Mossul

Das Auto hält vor einem Modegeschäft im Zentrum von Karakosch. In einem Nachbarhaus gähnen rußverschmierte und leere Fenster in der Fassade. Der IS hat geplündert und gebrandschatzt, bevor ihn die 9. Division der irakischen Armee im Oktober 2016 aus der Stadt vertrieb. "Auch meine Geschäfte haben sie angezündet", erzählt Yousif. "Ich war einmal reich." Er schiebt den Rollladen hoch und schließt das Geschäft auf. Es ist wieder erstanden. Jacketts aus feinem Stoff hängen an den Kleiderstangen.