Ankara/Damaskus/Washington. (da/reu/dpa) Es war ein Überraschungsbesuch, der erst im Nachhinein publik gemacht wurde: US-Präsident Donald Trump hat zu Weihnachten den US-Truppen im Irak eine kurze Visite abgestattet. Bei dieser Gelegenheit verteidigte er erneut den von ihm angekündigten Rückzug aus Syrien, der insbesondere für die dortigen Kurden eine Katastrophe ist. Deren Milizen waren bisher der wichtigste Verbündete der USA bei Bodenkämpfen gegen die Extremistengruppe Islamischer Staat. Das in Nordsyrien engagierte türkische Militär hat daher Offensiven gegen die kurdische YPG gescheut, um kein direktes Aufeinandertreffen türkischer und amerikanischer Soldaten zu riskieren. Die Gegend östlich des Flusses Euphrat galt daher als kurdisches Einflussgebiet unter Billigung der Amerikaner.

Nun aber sieht die Türkei die Chance gekommen, gegen kurdische Milizen im Grenzgebiet zur Türkei vorzugehen. Sie betrachtet die YPG als Verbündete der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Die sozialistisch-militante PKK wiederum kämpft in der Türkei für mehr Autonomie der kurdischen Gebiete.

Beidseits des Euphrats

Außenminister Mevlüt Cavusoglu erklärte laut "Hurriyet", türkische Truppen würden ehestmöglich den Euphrat in östlicher Richtung überschreiten. Die Armee schickt laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu seit dem Wochenende Konvois mit Kriegsgerät an die Grenze zum Nachbarland. Auch am Mittwoch ging die Truppenverstärkung weiter, wie CNN Türk berichtete. Der Angriff wurde vorerst verschoben, es dürfte aber nur eine Frage der Zeit sein.

Auch westlich des Euphrat drohen militärische Auseinandersetzungen. Dabei geht es um die Kurden-Hochburg Manbij. Bereits im Juni hatten sich die Regierungen in Washington und Ankara darauf verständigt, dass die Kurdenmiliz YPG aus der Stadt abziehen soll. Zuletzt rückten pro-türkische Rebellen in Richtung Manbij vor. YPG-Sprecher Nuri Mahmud sagte, seine Einheiten blieben vorerst auf ihren Posten und beobachteten die Situation. Der Sprecher des Militärrates von Manbij, Shervan Darvish, erklärte, die Situation vor Ort sei ruhig. Die kurdischen Einheiten seien aber in Alarmbereitschaft.

"IS nicht vollständig besiegt"

Die Türkei sucht für ihre Offensive den Schulterschluss mit den USA und Russland, das Syriens Machthaber Bashar al-Assad unterstützt. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kündigte an, er wolle sich mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin treffen. Zudem sei Donald Trump zu einem Staatsbesuch eingeladen worden. Beide potenziellen Gäste reagierten verhalten auf das Angebot. Laut türkischen Angaben sagte aber Trump bei einem Telefonat mit Erdogan, in Syrien dürfe kein Machtvakuum entstehen.

Kritiker werfen Trump vor, nicht nur die verbündeten Kurden im Stich zu lassen. Sie befürchten auch, dass damit der Kampf gegen die sunnitische Terrormiliz IS in Syrien geschwächt wird. "Im Kreis der Verbündeten herrscht Einigkeit darüber, dass der IS leider noch nicht vollständig besiegt ist", sagte die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen der "Rheinischen Post".

Für Israel ist der ebenfalls mit Assad alliierte Iran der Hauptfeind in Syrien. Nach syrischer Darstellung haben israelische Kampfflugzeuge am Mittwoch mehrere Ziele bei Damaskus angegriffen. Israel hatte in den vergangenen Monaten wiederholt iranische Stellungen in Syrien bombardiert. Die jüngsten Angriffe bei Damaskus wurden von Israel nicht bestätigt. Premier Benjamin Netanjahu erklärte aber, Israel verteidige entschlossen "seine roten Linien in Syrien und an jedem anderen Ort". Russland sprach von einer "krassen Verletzung der Souveränität Syriens".