Viele Rückkehrer versuchen deshalb unterzutauchen, bis sie das Land wieder verlassen können. Sie verstecken sich in internationalen Hotels oder Pensionen. Manche versuchen, sich bei Freunden zu verstecken. Diese gehen damit das Risiko ein, selbst ins Visier der Taliban oder krimineller Banden zu geraten. Und ohne die finanzielle Unterstützung von Freunden in Europa wäre das nicht möglich.

Nicht alle können oder wollen sich verstecken. Einer der 33 Rückkehrer, die Stahlmann ausgemacht hat, beging kurz nach seiner Ankunft Suizid. Drei andere haben nach wenigen Wochen das Land erneut verlassen. Angst schüren die Taliban und der IS durch Terror. In keinem anderen Land der Welt sterben mehr Menschen durch Terroranschläge: 4653 Tote gab es 2017. In den ersten neun Monaten 2018 wurden laut UN-Unterstützungsmission UNAMA knapp 2800 Zivilisten getötet. Eine Zahl, die auf konservativen Schätzungen beruht. Absolute Zahlen über Kriegsopfer existieren nicht. Dennoch: "Die Zahlen zeigen eine eklatante Verschlechterung", sagt Friederike Stahlmann.

Österreichs Spruchpraxis

Heimische Richter sehen das anders. Bis Mitte des Jahres stützten sich einige Richter in Asylverfahren unter anderem auf das umstrittene Gutachten des Afghanistan-Sachverständigen Karl Mahringer. Nachdem diesem aber die Eigenschaft als Gutachter entzogen wurde, kommt sein Gutachten nur noch selten zur Anwendung. Man braucht es nicht mehr als Grundlage für eine Abschiebung. Denn die Spruchpraxis ist ohnehin rigider geworden. "Es reicht nicht aus, sich bloß auf eine allgemein schlechte Sicherheits- und Versorgungslage in Afghanistan zu berufen", hielt der Verwaltungsgerichtshof in einem Urteil im Mai 2018 fest.

Wenn die Sicherheitslage in einer bestimmten Provinz oder einem Distrikt nicht als sicher erachtet wird, wird eine sogenannte "innerstaatliche Fluchtalternative" geprüft. Das bedeutet, dass in anderen bestimmten Orten eine Ansiedelung möglich und sicher wäre. So gelten etwa laut einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom September 2018 die Städte Herat und Mazar-e Sharif als "vergleichsweise sicher und stabil", auch wenn es dort zu Anschlägen kommt und die Frage ist, ob Abgeschobene sich dort ihr Überleben sichern könnten.

Zwar hat die Zahl der Abschiebungen von Deutschland nach Afghanistan zugenommen: 2016 wurden nur zwei Afghanen abgeschoben, ein Jahr darauf waren es bereits 117. Heuer mussten bis Ende November 166 Asylwerber zurückkehren. Doch die Zahl ist dennoch vergleichsweise gering. So erhielten in den ersten zehn Monaten 2018 4060 Afghanen einen positiven Asylbescheid, bei 3207 Personen wurde der Antrag auf Asyl abgelehnt.

Gespalten ist die Rechtssprechung bei jungen, alleinstehenden Männern. Die einen Richter sagen, sie könnten unterkommen und Arbeit finden. Die anderen sagen, dies gehe nur, wenn sie auch ein soziales Netzwerk haben. "Die Tendenz ging zuletzt eher in die Richtung zu sagen, sie schaffen das", sagt der Jurist Norbert Kittenberger. Nur wenige Richter hätten gesagt, dass die Versorgungslage zu schlecht sei, auch wenn die Armut wieder ein Niveau wie bei dem Sturz der Taliban 2001 erreicht hat.