Davos. Es ist eine kalte, fast wolkenlose Nacht in Davos. Der 88jährige Investor und Philanthrop George Soros hat Medienvertreter ins Hotel Seehof geladen. Nach Passieren einer Sicherheitsschleuse (zur Zeit des World Economic Forum kommt man in fast kein Hotel im Dorf, ohne zuvor den Sicherheitscheck über sich ergehen zu lassen) geht es vorbei an einem Salon, in dem ein offenes Kaminfeuer prasselt in einen eher schmucklosen, niedrigen Speisesaal. George Soros hält seine traditionelle Rede in Davos. Und Soros fackelt nicht lange: "Ich möchte meine Zeit heute Nacht nutzen, um die Welt vor einer noch nie dagewesenen Gefahr zu warnen, die das Überleben offener Gesellschaften bedroht."

Bereits im vergangenen Jahr hat Soros vor der Gefahr der IT-Monopole gewarnt: "Es ist eine Allianz zwischen IT-Monopolen, die die sich gerade entwickelnden Systeme von konzerngesteuerter Überwachung mit bereits etablierten staatlichen Überwachungssystemen verbinden. Das könnte zu einem Netz totalitärer Kontrolle führen, wie sie nicht einmal ein George Orwell für möglich gehalten hätte."


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Pence-Rede vom 4. Oktober 2018 vor dem Hudson-Institut


Rede von George Soros am Rade des World Economic Forum in Davos vom 24. Jänner 2019
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Diese Warnung präzisierte Soros dieses Jahr mit Blick auf Peking: Soros weist auf das sogenannte "Sozialbewertungssystem" hin, das in der Volksrepublik, die im Oktober den Jahrestag ihres 70. Bestehens feiert, im Moment etabliert wird. "Aufgrund dieser Daten werden Menschen von Algorithmen daraufhin untersucht, ob sie eine Gefahr für den Ein-Parteien-Staat darstellen", sagt Soros. Aufgrund der Ergebnisse dieser Analysen würden die Bürgerinnen und Bürger Chinas dann "entsprechend behandelt". Auf diese Weise würde das Schicksal eines Individuums den Interessen des Ein-Parteien-Staates in einer historisch beispiellosen Weise untergeordnet.

"China ist nicht das einzige autoritäre Regime der Welt, aber es ist ohne Zweifel das reichste, mächtigste und in Sachen Künstlicher Intelligenz am weitesten entwickelte. Das macht Xi Jinping zum größten Feind all jener, die an das Konzept der offenen Gesellschaft glauben." Xi sei allerdings auch nicht alleine, sagt Soros, der Vormarsch autoritärer Regime sei unübersehbar, "und wenn sie gewinnen, dann werden sie sich zu totalitären Systemen entwickeln". Soros liest seine Rede vom Blatt ab. Doch während er noch spricht, publizieren seine Mitarbeiter eine chinesische Übersetzung, die im Internet veröffentlicht wird. Man kann davon ausgehen, dass die Zensoren in China mit Hochdruck daran arbeiten werden, diesen Text in China unzugänglich zu machen.