Wien. Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am Sonntag hat die UNO-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet vor wachsenden Ausgrenzungstendenzen gewarnt. "Wir sehen heute eine starke Zunahme vieler Formen von Hass, einschließlich des Giftes des Antisemitismus' und anderer Angriffe auf Minderheiten", erklärte sie in Genf.

Dazu gehörten auch körperliche Übergriffe auf Kinder und Erwachsene sowie Kampagnen gegen ganze Völker, ethnische Minderheiten und Migranten - "in einigen Fällen auch mit der Unterstützung durch Staatenlenker", kritisierte Bachelet, ohne Namen zu nennen.

"Gegen die Normalisierung des Hasses"

Ebenso prangerte sie die steigende Tendenz an, die Ereignisse des Holocaust zu verharmlosen oder gar zu leugnen. "Wir müssen uns gemeinsam gegen diese Normalisierung des Hasses stellen", unterstrich Bachelet. Es gelte, gemeinsam die "langsam wachsende Flut von Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und andere Versuche, bestimmte Gruppen ihrer Menschlichkeit und ihrer Rechte zu berauben", zurückzudrängen.

Es sei wichtig zu bedenken, dass der Holocaust nicht mit den Gaskammern begonnen habe. "Dieser Hass entwickelte sich allmählich aus Worten, Stereotypen und Vorurteilen - durch rechtliche Ausgrenzung, Entmenschlichung und Gewalteskalation", betonte die UNO-Kommissarin. Auch heute stehe man vor ähnlichen Tendenzen. "Angesichts solcher Versuche, Gruppen zu entmenschlichen und zu dämonisieren, müssen wir zusammenstehen in der Verteidigung der Menschenrechte." Nur dadurch könne sichergestellt werden, dass sich ein solcher Völkermord nie mehr wiederhole, unterstrich Bachelet.

Sie erinnerte an die Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau am 27. Jänner 1945. In dem größten Vernichtungslager der Nazis seien Menschen in den Gaskammern oder durch Zwangsarbeit, Hunger, Krankheiten und angebliche "medizinische" Experimente getötet worden. "Zu den Opfern der Nazi-Lager gehörten neben Millionen Juden Hunderttausende Roma und Sinti, Menschen mit Behinderungen, Homosexuelle, Kriegsgefangene, politische Dissidenten und Mitglieder von Widerstandsbewegungen aus dem gesamten besetzten Europa", so Bachelet. "An diesem Internationalen Tag des Gedenkens bringen wir für die Opfer dieses schrecklichen Verbrechens Respekt und Trauer zum Ausdruck."

Die Gräueltaten, die im NS-Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau begangen wurden, "sollten eine ewige Warnung und Erinnerung sein, uns für eine demokratische Gesellschaft basierend auf Toleranz, gegenseitigem Verständnis und Menschenrechten einzusetzen", erklärte Außenministerin Karin Kneissl (FPÖ) zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts am Sonntag.

Der Erinnerungskultur komme dabei eine besondere Bedeutung zu. Der "entschlossene Kampf gegen jegliche Form von Antisemitismus, Rassismus, Extremismus und Intoleranz" sei wiederum Teil dieser Erinnerungsarbeit, so die Außenministerin laut einer Aussendung.

Die Junge ÖVP teilte anlässlich des Holocaust-Gedenktages mit: "Unsere Generation ist die letzte, die Zeitzeugen der Gräueltaten der Nationalsozialisten und des zweiten Weltkrieges erlebt." Deswegen sei es "die Verantwortung unserer Generation, die Erinnerung an damals wach zu halten".

Die katholische Laiengemeinschaft Sant'Egidio erklärte laut kathpress in Rom, der Holocaust-Gedenktag sei "kein leeres Ritual, sondern ein Aufruf an die Institutionen und Bürger, wachsamer zu sein angesichts fortlaufender antisemitischer und rassistischer Vorurteile". Vor allem unter Jugendlichen seien nationalistische, ausgrenzende und fremdenfeindliche Bewegungen in verschiedenen europäischen Ländern im Wachsen begriffen, hieß es.