Washington. Wo der Mann recht hat, hat er recht. Auf einen Besuch bei Donald Trump könne man sich "nicht wirklich vorbereiten", ließ Österreichs Kanzler Sebastian Kurz anlässlich seiner Reise in die USA wissen. Der letzte Staatsbesuch auf dieser Ebene ist mittlerweile 13 Jahre her, George W. Bush gab damals Wolfgang Schüssel die Ehre. Die europäisch-amerikanischen Beziehungen waren damals schon kompliziert, aber quasi nichts im Vergleich zum Hier und Jetzt.

Offiziell ist für den Termin vom Weißen Haus eine Viertelstunde veranschlagt. Es könnte auch mehr werden, oder weniger; je nachdem, wie Trump aufgelegt sein wird und wie Kurz darauf reagiert. Der Ex-Reality-TV-Star ist für seine Spontanität, seine Aversion für sachpolitische Debatten sowie für seine Empfänglichkeit für Komplimente bekannt. In letzterem Punkt hat Kurz mit dem öffentlichen Lob für Teile der Trump’schen Außenpolitik in der "Presse" eine wohlkalkulierte Vorleistung erbracht, die sogar in manchen US-amerikanischen Medien wahrgenommen wurde.

Ein weiterer Vorteil für alle, die es Auge in Auge mit dem 71-Jährigen New Yorker zu tun haben, ist das Bewusstsein um Trumps legendäre Konfliktscheue im persönlichen Umgang. Auf Twitter mag er den harten Mann markieren - aber wenn es auch nur darum geht, Mitarbeiter zu entlassen, erledigt Donald Trump das nie selber.

Sebastian Kurz hat vorgeleistet

Nord Stream 2 (dagegen!) und Strafzoll auf europäische Autos (dafür!) hin, Nato-Budget (verkleinern!) und die Rücknahme von IS-Terroristen und ihrer Familien (dafür!) her: Entscheidend ist für den US-Präsidenten am Ende weniger, für welche politischen Inhalte ein ausländischer Regierungschef steht, also ob die persönliche Chemie mit ihm stimmt; siehe seine offen zur Schau gestellte Zuneigung zu Nordkoreas Diktator Kim Jong-un oder zu Russlands Präsident Wladimir Putin.

In dieser Hinsicht dürften Kurz zweifellos sein Charme wie seine politische Herkunft zugutekommen. Auch wenn sich der Bekanntheitsgrad des österreichischen Bundeskanzlers unter den Mitgliedern des Schlags MAGA ("Make America Great Again") in engen Grenzen hält, steht Sebastian Kurz bei den außenpolitisch versierteren Mitgliedern der Trump-Administration in gutem Ruf. Die harte Linie der von ihm geführten türkis-blauen Regierung in Sachen Zuwanderung und seine bedingungslose Fürsprache für Israel machen’s möglich.

Wie zuletzt der eher verunglückte Auftritt von Vizepräsident Mike Pence bei der Münchner Sicherheitskonferenz bewies, sind sich Leute wie Außenminister Mike Pompeo oder der nationale Sicherheitsberater John Bolton bewusst, dass die US-Administration bei allem martialischen Ansagen Freunde in der Welt braucht, und Kurz passt dabei perfekt ins Schema. Ob das am Ende wirklich eine gute Sache ist, steht indes auf einem anderen Blatt.

Kanzler als "Anti-Merkel"

Es ist etwa kein Zufall, dass Richard Grenell, der amerikanische Botschafter in Deutschland, Kurz im Sommer 2018 einen "Rockstar" nannte, dessen "großer Fan" er sei. Mit seinem Ansinnen, Kurz in Washington als eine Art "Anti-Merkel" und gleichzeitig der europäischen Öffentlichkeit den politischen Aufstieg des konservativen Wunderkinds als Beweis für die Korrektheit der Trump’schen Einwanderungspolitik zu verkaufen, kam Grenell nicht weit - dafür hat Österreich, das knapp so viel Einwohner zählt wie der Bundesstaat Virginia, dann doch zu wenig Gewicht. Geschadet hat das alles dem Ansehen der ÖVP/FPÖ-Regierung in den Augen der Trump-Administration aber definitiv nicht; und kleine, aber weit über die Grenzen Österreichs hinaus wirkende Nadelstiche, wie von Kurz abgesegnete Aufkündigung des UN-Flüchtlingspaktes, die ganz im Sinn der Hardliner im US-Kabinett sind, taten das ihre, um Wiens Image bei der amerikanischen Rechten weiter aufzupolieren.

Kurz wird es nicht gelingen, Trump etwa seine Ideen von der vermeintlichen Heilungskraft von Strafzöllen auf europäische Produkte auszureden. Auf offenere Ohren stößt Kurz vielleicht bei Abendessen mit Trump-Tochter Ivanka und Schwiegersohn Jared Kushner, aber auch hier wird die Wirkung überschaubar bleiben.

Große Schuhe für Österreich

Doch Österreichs Bundeskanzler kann sich insofern trösten, als sein Wort bei Trump mehr Gewicht hat, als das von vielen anderen europäischen Regierungschefs. Die Tatsache, dass Trump nicht mit Deutschlands Angela Merkel kann und sich von Frankreichs Emmanuel Macron höchstens zeigen lässt, wie man ordentliche Militärparaden abhält, trägt das ihre dazu bei, dass Kurz derzeit in puncto europäische Repräsentanz in Washington eine größere Rolle spielt, als es ein Regierungschef eines so kleinen Landes eigentlich gewohnt ist.