Caracas/Bogotá. (wak) Viele Venezolaner leiden unter Mangelernährung. Die venezolanische Bischofskonferenz flehte die Regierung in Caracas zuletzt förmlich an, doch endlich einen Kanal für humanitäre Hilfslieferungen aufzumachen.

Viele venezolanische Familien sind auf die staatliche Subventionierung von Grundnahrungsmitteln genauso angewiesen wie auf die Verteilung durch Hilfsorganisationen wie Caritas Venezuela, um an Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel heranzukommen. Und auch die Caritas Venezuelas bittet seit drei Jahren um das Hereinlassen humanitärer Hilfe. Denn die Helfer brauchen ebenso Unterstützung. Caritas Venezuela hat inzwischen 12.000 Kinder unter fünf Jahren wegen Unterernährung behandelt, von denen sich nur 54 Prozent erholt haben.

"Das Land braucht die humanitäre Hilfe", sagte die katholische Bischofskonferenz Venezuelas am Donnerstag. "Nach Hilfe zu fragen und sie anzunehmen, ist kein Verrat am Vaterland, sondern eine moralische Pflicht", finden die Geistlichen.

Für andere sind aber Hilfslieferungen von außen ein Fall des indirekten Kolonialismus. Ein Land soll abhängig von Assistenz von außen gemacht werden - und das stößt in Lateinamerika auf, wenn die aus den USA kommt.

Und so entspinnt sich gerade just an der Grenze Venezuelas mit Kolumbien ein außergewöhnlicher Streitfall. Denn in den Lagerhallen der Grenzstadt Cúcuta stapeln sich die Kartons mit Hilfslieferungen für Venezuela. Diese Kartons kommen aber vor allem aus den USA. Und so baut sich an dieser Grenze ein wahrer Stellvertreterkonflikt auf, bei dem es den Akteuren um viel mehr als nur das Hereinlassen fremder Hilfe geht. Wenngleich auch sich in anderen Grenzstädten etwa in Brasilien Hilfslieferungen stapeln, so konzentrieren sich alle Augen auf Cúcuta. Dort ist die Grenze noch offen. Denn Venezuela braucht Kolumbien für die inoffizielle Parallelwährung (kolumbianische Pesos werden in Venezuela gern gesehen, nachdem die eigene Währung, der Bolivar, wegen der Hyperinflation praktisch an Wert verloren hat) und für die diskrete Heranschaffung von Waren.

Live-Aid-Konzert: Guaidó bat Richard Branson um Hilfe

Aber dort in Kolumbien wartet auch die US-amerikanische Hilfe. Und dort rief der britische Milliardär Richard Branson zum Live-Aid-Konzert am Freitag auf. An dem Konzert nahmen auch internationale Stars wie Alejandro Sanz und Miguel Bosé aus Spanien, Juanes aus Kolumbien und der durch den Hit "Despacito" bekannte Puertoricaner Luis Fonsi teil. Zu dem Konzert wurden am Abend (Ortszeit) auch der kolumbianische Präsident Iván Duque und die Staatschefs von Chile und Paraguay, Sebastián Piñera und Mario Abdo, erwartet.

Russland und China, die beide den sozialistischen Präsidenten Nicolás Maduro unterstützen, warnten dagegen vor dem Transport. Dies könne zu Ausschreitungen führen und einen Vorwand für die Entmachtung von Präsident Maduro liefern, erklärte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, am Freitag in Moskau.

In Peking äußerte sich der Sprecher des Außenministeriums, Geng Shuang, ähnlich. "Wenn sogenannte Hilfsgüter Venezuela aufgezwungen werden und wenn es dann zu Gewalt und Auseinandersetzungen kommt, dann wird das ernsthafte Konsequenzen haben", sagte er.

Beobachter haben das Wochenende, insbesondere den Samstag, bereits zum D-Day ausgerufen - zu dem Tag, an dem eine Entscheidung in Venezuela herbeigeführt werden kann. Denn das südamerikanische Land befindet sich seit mehr als einem Monat in einer Pattstellung. Auf der einen Seite Maduro, dessen Wiederwahl zum Präsidenten weder von der Opposition noch von weiten Teilen der westlichen Welt anerkannt worden ist. Auf der anderen Seite Guaidó, der wiederum erklärt, dass die Verfassung den Parlamentspräsidenten zum Regierungschef macht, wenn das Amt des Präsidenten vakant ist.

Ein Todesopfer an der
Grenze zu Brasilien

Nun hängt alles am Militär: Werden die Soldaten die Hilfslieferungen anstandslos passieren lassen, obwohl sie aus Caracas gegenteilige Befehle bisher erhalten haben? Oder wird es zu einer Blockade kommen und damit auch zu gewaltsamen Ausschreitungen? Und ist es dann schließlich so weit, dass venezolanische Soldaten sich von Maduro abwenden, wenn sie auf Zivilisten schießen sollen?

Am Freitag gab es den ersten Vorgeschmack. Eine nicht ganz so im internationalen Fokus stehende Grenze, nämlich die zu Brasilien, wurde von Caracas am Vortag geschlossen. Und dort berichtete die indigene Gemeinschaft Kumarakapay davon, dass kolumbianische Sicherheitskräfte auf Zivilisten geschossen haben. Einer Menschenrechtsorganisation zufolge töteten venezolanische Soldaten zwei Menschen und verletzten 15 weitere. Bei den Toten handle es sich um ein Ehepaar.

Damit könnte natürlich der Sündenfall bei der Verteidigung der Grenze seinen Anfang genommen haben. Oder vielleicht doch zu einem Einlenken führen.