"Die Kette darf nicht reißen", ruft der Mann mit der blauen Weste ins Mikrofon. Auf seinem Rücken steht "Koalition für Hilfe und Freiheit." Die freiwilligen Helfer der venezolanischen Opposition sind ausgelassen. In wenigen Minuten sollen die Hilfstransporte über die Grenzbrücke Simon Bolivar rollen. Damit alles reibungslos klappt haben sie entlang der Strecke eine Menschenkette gebildet. So wollen sie die LKW´s über die Grenze geleiten, als lebende Schutzschilde auf beiden Seiten der Transporte.

Die Stimmung auf der kolumbianischen Seite der Brücke ist ausgelassen, die Menschen feiern, singen, machen Selfies. Sie sind fest davon überzeugt, dass ihr Plan aufgeht. Dass die venezolanischen Militärs die humanitäre Hilfe passieren lassen und damit die Autorität des verhassten sozialistischen Staatschefs Nicolas Maduro untergraben wird.

In diesen Momenten weht ein kräftiger Wind über die Brücke, er wirbelt den Staub und den Sand auf. "Es liegt was in der Luft", ruft ein Helfer. Und dann kommen die LKW´s. Begeistert feiern die Menschen den Konvoi. Dutzende Menschen sitzen auf den Ladeflächen, überall sind kleine venezolanische Fahnen zu sehen. "Maduro fällt", rufen sie vom LKW herunter anderen schreien: "Ende der Diktatur".

Ein paar Stunden später ist von dieser ausgelassenen Stimmung nichts mehr zu spüren. Stattdessen kommen die Venezolaner, die am Vormitttag noch so voller Euphorie und Hoffnung waren, weinend und fassungslos auf dem gleichen Wege zurück. Die Sicherheitskräfte auf der anderen Seite schießen. Mit Tränengas und laut Amnesty International in einigen Landesteilen auch mit Maschinengewehren auf die Demonstranten. Nur vereinzelt lösen sich einige Uniformierte aus den Formationen und werden gefeiert, als sie die Seiten wechseln.

Doch ein Großteil des Militärs bleibt loyal zum sozialistischen Machthaber Nicolas Maduro. Das sorgt für Frust bei den Demonstranten. Immer mehr greifen zu ihren Rucksäcken und füllen diese mit Kieselsteinen aus dem nahegelegenen Fluss Tachira. Nun kommt es zu direkten Konfrontation: Steine gegen Gewehre und Tränengas. Ein Teil der Demonstranten hat sich unter die Brücke geflüchtet und wirft von hier aus mit den Steinen auf die Beamten. Die zielen blind in die Menge von oben herunter unter die Brücke. Alle paar Minuten werden Verletzte aus der wütenden Menge gezogen. Sie weisen zum Teil schwere Verletzungen auf. Ein Mann mit einem meterlangen Holzkreuz begleitet nahezu jeden Verletzten auf seinem Weg von der Unruhezone bis in die Krankenwagen. "Sie schießen auf uns", ruft er aufgebracht und zeigt auf die Wunde eines am Bein verletzten Mannes.

Die kolumbianischen Sanitäter leisten Schwerstarbeit. Derweil steigt angesichts der immer höheren Zahl an Verletzten und der Meldungen über erschossene Demonstranten in anderen Landesteilen die Wut bei den Maduro-Gegnern. Einige flehen die kolumbianischen Militärs an einzugreifen. Doch die tun nichts. Würden sie die Venezolaner unterstützen, wäre ein kriegerischer Konflikt vorprogrammiert. Und so bleibt es ein ungleicher Kampf bewaffneter gegen unbewaffnete Venezolaner.

Zu diesem Zeitpunkt ist das unbekümmerte Lachen, die Zuversicht aus dem Gesicht von Juan Guaido verschwunden. Am Tag zuvor war er über die Grenze gekommen – obwohl ihn die treu zu Maduro stehende Justiz mit einer Ausreisesperre belegt hat. Lachend überquert er eine Grenzbrücke und beteuert die Militärs hätten ihm dabei geholfen. Zu diesem Zeitpunkt war er seiner Sache noch sicher. Mitstreiter hatten den Grenzübertritt per Handy dokumentiert. Ein klein wenig wirkt das wie bei einem Teenager, dem ein Streich gelingt. Doch innerhalb von wenigen Stunden hat der inzwischen enorm populäre junge Parlamentspräsident gelernt, was es heißt, sich mit einem der brutalsten und rücksichtslosesten Politiker Lateinamerikas anzulegen. Nun lacht er nicht mehr. Auch aus den Gesichtern seiner prominenten Unterstützer, der Präsidenten Ivan Duque (Kolumbien), Sebastian Pinera (Chile) oder dem Generalsekretär der Amerikanischen Staaten, Luis Almargo, ist die Zuversicht verschwunden. Am Tag zuvor hatten sie beim vom britischen Milliardär Richard Branson organisierten Benefizkonzert direkt an der Grenze noch gemeinsam in die Kameras gestrahlt. Doch die Wirklichkeit ist kein Popkonzert. Die Realität heißt Nicolas Maduro, der laut Amnesty International foltern und außergerichtlich hinrichten lässt und der bei Wahlniederlagen einfach das Parlament entmachtet. Und der sich von Lebensmittelpaketen und Medikamenten ebenso wenig beeinflussen lässt, wie von der Massenflucht seiner Landsleute.

Maduro hat seine Kräfte in Caracas gebündelt. Er schafft es einige tausend Anhänger in der Hauptstadt zu versammeln. Und er brüllt ins Mikrofon, dass er noch viele Jahre regieren werde. Seine Gegner nennt er trotz deren klaren Wahlsieges bei den letzten freien Parlamentswahlen die oppositionelle Minderheit. An diesem Pult steht niemand, der bereit ist auch nur einen Millimeter seiner Macht abzugeben.

An den Grenzen des Landes spielen sich derzeit dramatische Szenen ab. Zwei LKW mit der humanitären Hilfe gehen in Flammen auf. Laut Opposition sollen dafür Sicherheitskräfte der venezolanischen Armee verantwortlich sein. Maduros Sender verbreiten dagegen die Version, dass es die Opposition selber war, die das Feuer gelegt haben soll. Tatsache aber ist am Ende des Tages hat es keiner der acht LKW über die Grenze geschafft. Maduro hat seine Streitkräfte so im Griff, dass diese bereit sind, trotz der humanitären Krise im Land und verzweifelten Patienten in den Krankenhäusern, die LKW´s zu stoppen.

Damit ist Guaidos Plan gescheitert, Maduros Autorität über diesen Weg auszuhebeln. Im Poker um die Macht hat sich das Blatt innerhalb weniger Stunden gewendet. Guaido steht plötzlich relativ blank da und aus seinem bislang so strahlenden Gesicht ist jeder Anflug eines Lächelns verschwunden. Innerhalb der Opposition wächst die Wut wegen des brutalen Vorgehens der Sicherheitskräfte und nun ist erst einmal kein Plan B zur Hand. Schlimmer noch: Guaido droht wegen seines Grenzübertritts die Verhaftung durch die linientreue Maduro-Justiz. Am Montag will sich Guaido mit der Gruppe von Lima in Bogota abstimmen, auch US-Vizepräsident Mike Pence ist dabei. Doch so mächtig die außenpolitischen Verbündeten von Guaido auch sein mögen, das Wochenende hat gezeigt: Bislang ist er ein machtloser Interimspräsident, dem zwar die Sympathien der Mehrheit der Venezolaner gehören, doch der keinerlei Zugriff auf die Institutionen hat.

Inzwischen ist auch in Washington der Administration von US-Präsident Donald Trump klar geworden, dass der Guaido-Plan nicht aufgegangen ist. Senator Marco Rubio sendet wütende Tweets, Guaido selbst schließt "keine Option" mehr aus, um die Freiheit Venezuelas zu erreichen. Damit soll auch eine militärische Option gemeint sein, jenem Szenario vor dem Maduro gewarnt hat. Der ist nach einem Monat mit der überraschenden Vereidigung Guaidos als Interimspräsident erstmals wieder aus der Defensive herausgekommen. Zwar werden ihm die Bilder der brutalen Gewalt gegen die Demonstranten international schaden, doch bislang hat sich Maduro noch nie um seinen Ruf gekümmert, wenn es darum ging die eigene Macht abzusichern. Wer keine militärische Lösung in Venezuela will, die in einem unkalkulierbaren und unverantwortlichen Blutvergießen enden könnte, wird mit Maduro verhandeln müssen. Genau das aber hat die Opposition von Guaido zuletzt immer wieder ausgeschlossen.

An der Grenzbrücke Simon Bolivar sind die wenigen Lokale, die geöffnet haben, überfüllt. Die Menschen hängen an den Bildschirmen um die Entwicklungen auf beiden Seiten der Grenze mitzubekommen. Viele haben Tränen in den Augen. Ihr Traum von der Revolution ist geplatzt. Einige hatten sogar weiße Nelken dabei, die sie den Soldaten geben wollten. Dann ruft einer "Libertad, Libertad." In den Schlachtruf nach Freiheit stimmen alle ein. Doch wie das nun gelingen soll, weiß niemand in der Grenzstadt Cucuta. Dort ist die Grenze erstmal geschlossen. Maduro hat die diplomatischen Beziehungen zu Kolumbien beendet. Guaido steht wieder ganz am Anfang. Die Krise, die nie enden will, schwelt einfach weiter. Wie immer.