"Eine Nostalgie" für Tradition sei im Populismus zu finden. - © afp/dpa
"Eine Nostalgie" für Tradition sei im Populismus zu finden. - © afp/dpa

Dürnstein. "Demokratie! Zumutung oder Zukunft" ist der Titel des diesjährigen Symposion Dürnstein. Die "Wiener Zeitung" hat in diesem Zusammenhang mit dem renommierten Politologen und Soziologen Colin Crouch gesprochen, der sich intensiv mit dem Phänomen der Postdemokratie auseinandergesetzt hat und der die liberale Demokratie, wie wir sie heute kennen, von vielen Seiten gefährdet sieht.

"Wiener Zeitung": Sie sagen immer wieder, dass es Bereiche gibt, wo sich Neoliberalismus und xenophober Nationalismus treffen...

Colin Crouch: Paradoxerweise...

Colin Crouch geboren 1944 in London, wurde mit seiner zeitdiagnostischen Arbeit zur Postdemokratie und dem 2004 erschienen gleichnamigen Buch international bekannt. Er lehrte unter anderem an der Oxford-Universität. - © Schmölzer
Colin Crouch geboren 1944 in London, wurde mit seiner zeitdiagnostischen Arbeit zur Postdemokratie und dem 2004 erschienen gleichnamigen Buch international bekannt. Er lehrte unter anderem an der Oxford-Universität. - © Schmölzer

...eine dieser Parallelen, sagen Sie, ist eine "maskulinistische Agenda". Was genau meinen Sie damit?

Wenn Sie sich die verschiedenen Dinge ansehen, die beim rechten Populismus zusammenkommen, dann fällt eine gewisse Nostalgie auf, die sich auf verschiedene Bereiche erstreckt. Eine Nostalgie, die den souveränen Nationalstaat betrifft, eine Gesellschaft, in der es keine Immigranten gibt - obwohl es das nie gegeben hat. Eine Gesellschaft, in der die Rollen zwischen Mann und Frau traditionell geregelt sind. Eine Nostalgie, die zurückverweist auf die alte industrielle Gesellschaft. Dadurch wird eine politische Identität gebildet. Momentan liegt der Schwerpunkt dieser Nostalgien auf Immigration und nationaler Souveränität.

Wenn Sie aber ins Detail gehen, finden Sie oft, dass das Genderverhältnis sehr traditionell gedacht wird. Für US-Präsident Donald Trump ist das sehr wichtig. Das aufrüttelndste Beispiel war zuletzt der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro, für den die Rückkehr zur traditionellen Rollenverteilung zwischen Mann und Frau extrem wichtig ist. Er sagte, im neuen Brasilien würden Knaben Blau tragen und Mädchen Rosa. Es gibt hier eine Unzufriedenheit mit der sich ändernden Rolle von Mann und Frau. Das ist "Maskulinismus". Ein Wort, das Sie in manchen Wörterbüchern finden werden. In Italien und England gibt es das Wort.

Wie steht der Neoliberalismus zum Maskulinismus?

Neoliberalismus ist hier neutral.

Menschen sind hier nur eine Einheit ohne Geschlecht und Herkunft?

Arbeiterrechte, Frauenrechte, Rechte auf Partizipation - das war auf der Agenda eines neoliberalen und sozialdemokratischen Joint Venture. Obwohl sie das nie zugegeben haben. Der Neoliberalismus ist in diesem Bereich einfach blind.

In der Theorie schon. Aber in der Praxis? Neoliberalismus, das ist doch stark sein ohne Regeln. Das klingt doch männlich?

Ja, das ist sehr richtig. Der Finanzsektor ist ein Testosteronsektor. Das ist sehr interessant.