Moskau/Wien. Von den Irritationen, die im Herbst das österreichisch-russische Verhältnis kurz belasteten, war nichts mehr zu spüren: In gelöster, freundschaftlicher Stimmung fand am Dienstag der Besuch von Außenministerin Karin Kneissl (FPÖ) bei ihrem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow statt. Die Affäre um einen angeblichen russischen Spion im österreichischen Bundesheer, die die Ministerin im Vorjahr dazu bewogen hatte, ihre für Dezember geplante Moskaureise zu verschieben, scheint das gute bilaterale Verhältnis nicht nachhaltig gestört zu haben. Lawrow, der Österreich damals noch kritisiert hatte, gab sich dieses mal freundschaftlich jovial.

Dass die kurzzeitigen Streitigkeiten ausgeräumt sind, zeigte sich auch daran, dass Russlands Präsident Wladimir Putin Kneissl am Dienstagnachmittag ebenfalls empfangen hatte. Der Termin war zuvor geheim gehalten worden, wurde aber von Diplomaten bestätigt. In ihrer gemeinsamen Pressekonferenz forderten Kneissl und Lawrow angesichts der Spannungen zwischen Russland und dem Westen eine Rückkehr zum Dialog. "Wir sind in einer Sprachlosigkeit geendet, wir haben mehr Monologe, die nebeneinander stattfinden, als Dialoge. Nur im echten Dialog kann man klar heiße Eisen angreifen", sagte Kneissl. Sie antwortete damit auf eine Journalistenfrage nach dem geplanten US-Budget von mehr als 500 Millionen US-Dollar zur Bekämpfung von russischem Einfluss in Europa. Lawrow kritisierte die USA scharf: Dieser Budgetvorschlag habe "nichts zu tun mit Diplomatie". Es entspreche eher einer "neuen" amerikanischen Diplomatie, die sich auf "Drohungen und Sanktionen" beschränke.

In Bezug auf den Ukraine-Konflikt forderte Kneissl nach dem militärischen Zwischenfall in der Seestraße von Kertsch die Freilassung der 24 ukrainischen Seeleute aus russischer Haft und auch "die Freilassung der illegal inhaftierten ukrainischen Bürger einschließlich des Filmregisseurs Oleh Senzow." In Bezug auf die Menschenrechtssituation in Russland berichtete Kneissl, dass sie am Dienstagvormittag russische Aktivistinnen getroffen habe.

Lawrow, der die Außenministerin bei ihrem Vornamen nannte, ging auf diese Worte nicht ein. Gefragt nach möglichen US-Sanktionen gegen das Pipelineprojekt Nord Stream 2 äußerte er scharfe Kritik. Er warf den USA vor, kommerzielle Interessen zu verfolgen, um den Westen zur Abnahme teureren US-Gases zu bewegen.