Wien/Moskau. (wak/is) Eine Sitzung der "Commission on Narcotic Drugs" in der UNO-City in Wien war der willkommene Anlass für beide Parteien, auf neutrales Terrain zu fliegen. Am Donnerstag trafen einander der russische Außenminister Sergei Lawrow und sein venezolanischer Amtskollege Jorge Arreaza am Rande der UN-Sitzung. So geheim das Treffen im Vorfeld war - Moskau stellte sicher, dass es später publik wurde: Die staatliche russische Nachrichtenagentur RIA vermeldete die Zusammenkunft, die Information wurde daraufhin von allen internationalen Nachrichtenagenturen weitergetragen.

Worüber die beiden gesprochen haben, darüber kann man nur mutmaßen. Klar ist aber, dass vor allem Washington das Signal hören soll. Denn es geht um nichts weniger als den Machtkampf in Venezuela, den viele als Stellvertreter-Gefecht zwischen Washington und Moskau sehen.

Russland steht hinter dem linksgerichteten venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro, dem aber viele die Legitimität für die aktuelle Amtszeit absprechen. Die USA haben mehrfach betont, dass sie an einer Ablöse von Maduro interessiert sind, und dabei auch eine militärische Intervention nicht ausgeschlossen. Währenddessen unterstützen sie aber offen Juan Guaidó, der sich im Jänner zum venezolanischen Interimspräsidenten ausgerufen hat. Mit Hilfslieferungen aus den USA versuchte Guaidó die Bevölkerung auf seine Seite zu bringen, doch Maduro ließ die Grenzen dichtmachen. Tote waren die Folge.

Russlands Außenminister Sergei Lawrow kam ebenfalls. - © afp/Nemen
Russlands Außenminister Sergei Lawrow kam ebenfalls. - © afp/Nemen

Schon vor drei Wochen hatte Russland die USA deutlich vor einem militärischen Eingreifen in Venezuela gewarnt. Es gebe Versuche von US-Seite, einen künstlichen Vorwand für ein solches Einschreiten zu schaffen, hatte Lawrow erklärt. Denn wer offen sage, dass die Tage von Präsident Nicolás Maduro gezählt seien, zeige, dass Kuba und Nicaragua die nächsten Länder sein würden. Die beiden Staaten zählen neben Venezuela zu den engsten Verbündeten Moskaus in Lateinamerika. Russland will einen Regimewechsel in Caracas daher mit allem Mitteln verhindern. Die Befürchtung, dass ein Sturz Maduros einen Dominoeffekt auslösen könnte, ist in Moskau groß.

Unbestritten ist, dass Maduros Macht wackelt. Vor allem wegen der humanitären Krise im Land. Zuletzt war ein Großteil Venezuelas sogar fast eine Woche ohne Strom.

Um die Krise in Venezuela abzumildern, hat Russland in den vergangenen Wochen bereits 7,5 Tonnen Medikamente nach Venezuela geliefert - weitere sollen folgen. Auch russisches Getreide wurde in großen Mengen nach Venezuela gebracht. Das wurde von Caracas dankbar angenommen. Russland ist zudem Venezuelas größter Waffenlieferant - die meisten Importe erfolgen auf Pump. Nach Schätzungen steht das Land mit den weltweit größten Ölreserven bei Russland bereits mit mehr als zehn Milliarden Dollar in der Kreide. Ähnlich verhält es sich mit Nicaragua und Kuba. Auch ihre Linksregierungen versorgt Russland mit günstigen Krediten im Tausch für politische Loyalität.

Geostrategischer Hotspot

In den Augen von Präsident Wladimir Putin lohnt sich die Investition aber. Die geografische Nähe zur Konkurrenzmacht USA macht Lateinamerika zu einem geostrategischen Hotspot. Zumal Moskau sich durch das Heranrücken der Nato-Staaten an Russlands Außengrenzen massiv eingeengt fühlt.

Putin hat daher die Beziehungen zu den Bündnispartnern im Vorhof der USA kontinuierlich gestärkt. Insbesondere zu Kuba. Erst vor wenigen Monaten lancierten russische Medien, dass Moskau plant, auf der Insel eine Militär-Geheimbasis aus der Sowjet-Ära zu reaktivieren - dies könnte eine bessere Überwachung der USA zum Ziel haben, glauben Experten. Die enge strategische Partnerschaft mit Havanna datiert aus der Hochblüte des Kalten Krieges. Die missglückte Schweinebuchtinvasion der USA 1959, die das Ziel hatte, Fidel Castro zu stürzen, löste drei Jahre später die Kubakrise aus. Die geplante Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen auf der Karibikinsel wäre beinahe in einen Atomkrieg gemündet.