Sao Paolo. In Brasilien klickten wieder einmal die Handschellen: Ex-Präsident Michel Temer (2016 - 2018), der nach der umstrittenen Amtsenthebung von Dilma Rousseff an die Macht kam, wird Korruption vorgeworfen. Temer wurde auf dem Rücksitz seines Wagens verhaftet, kurz nachdem er seinen Wohnsitz im Nobelstadtteil Pinheiros im Westteil Sao Paulos verlassen hatte. Beamte der Sondereingreifgruppe GPI der Bundespolizei in Kampfuniform und mit Maschinengewehr im Anschlag hielten den Wagen an. Temer sprach dabei gerade per Handy mit einem Journalisten des Radiosenders CBN. "Das ist barbarisch", war sein kurzer Kommentar. Ein Beamter setzte sich ans Steuer von Temers Wagen. Der Konvoi fuhr dann zum internationalen Flughafen Guarulhos, von wo es dann später weiter nach Rio ging. In der Zelle verweigerte Temer das Abendessen und verlangte seine sofortige Freilassung.

Den Haftbefehl wurde von Richter Marcelo Bretas ausgestellt, der der Arbeitsgruppe Lava-Jato in Rio de Janeiro angehört, also jener Einheit, die seit Jahren mit großem Einsatz an der Aufklärung des so genannten "Autowäsche"-Skandals arbeitet. In der Affäre um den halbstaatlichen Ölkonzern Petrobras wird in Brasilien gegen dutzende Politiker, Funktionäre und Unternehmer ermittelt.

250.000 Euro Schmiergeld

Ex-Präsident Lula da Silva sitzt wegen Korruptionsvorwürfen seit 2018 im Gefängnis. - © afp
Ex-Präsident Lula da Silva sitzt wegen Korruptionsvorwürfen seit 2018 im Gefängnis. - © afp

Bretas begründete den Haftbefehl mit der Furcht, dass Temer und die übrigen Verdächtigen Beweise vernichten könnten. Die Aktion ist Teil der sogenannten "Aktion Radioaktivität". In Rio sitzen auch die Ex-Gouverneure Sérgio Cabral und Luis Fernando Pezão (beide ebenfalls von Temers Partei MDB) wegen Korruption in Haft.

Temers Verhaftung beruht auf einer im Oktober vergangenen Jahres gemachte Kronzeugenaussage von Antunes Sobrinho, einem der Chefs des Baukonzerns Engevix. Demnach soll João Batista Lima Filho, Inhaber von Scheinfirmen und enger Freund Temers, 2014 Schmiergelder von der Firma kassiert haben. Laut Staatsanwaltschaft handelt es sich um umgerechnet rund 250.000 Euro.

Ex-Präsidentin Rousseff wurde wegen angeblicher Bilanztricks ihres Amtes enthoben. - © afp
Ex-Präsidentin Rousseff wurde wegen angeblicher Bilanztricks ihres Amtes enthoben. - © afp

Limas Firma Argeplan hatte im Verbund mit der Engevix an einer Ausschreibung für Bauvorhaben am bis heute nicht fertiggestellten Atomkraftwerk Angra 3 teilgenommen. Und nachdem die Firma den Vertrag erhielt, wies Lima an, das Geld an Temer weiterzuleiten. Es wurde mit einer Renovierung einer Immobilie seiner Tochter "ausgezahlt". In den Fall verstrickt ist auch der unter Temer für Energie und Bergbau zuständige Minister Moreira Franco, der wie Lima und dessen Ehefrau ebenfalls verhaftet wurde.