"Wiener Zeitung": Bei der ukrainischen Präsidentenwahl am Sonntag bahnt sich eine Überraschung an. Der Komiker und Schauspieler Wolodymyr Selenski, der in einer TV-Serie einen ehrlichen Geschichtslehrer spielt, der zum Präsidenten gewählt wurde und als solcher der Ukraine energisch die Korruption bekämpfte, liegt in allen Umfragen voran - weit vor Präsident Petro Poroschenko und Ex-Premierministerin Julia Timoschenko. Wie ist das möglich?

Juri Durkot: Viele Wähler sind enttäuscht von der Politik, weil es weder dem Präsidenten gelungen ist, sich zu einem echten Reformer zu entwickeln, noch den jungen, demokratischen Post-Maidan-Kräften, eine eigene Partei zu etablieren. Jetzt halten die Leute Ausschau nach neuen Gesichtern. Das erklärt das Phänomen Selenski. Er ist ein politisch völlig unerfahrener Komiker, der kein Programm hat, aber wohl in die Stichwahl kommen wird.

Wer hat denn Chancen, in den zweiten Wahlgang zu kommen?

Juri Durkot ist ein ukrainischer Publizist und Essayist und lebt in Lemberg. Der 53-Jährige gilt als Kenner der ukrainischen Politik und arbeitet auch als Übersetzer. - © privat
Juri Durkot ist ein ukrainischer Publizist und Essayist und lebt in Lemberg. Der 53-Jährige gilt als Kenner der ukrainischen Politik und arbeitet auch als Übersetzer. - © privat

Wie es aussieht, nur drei Kandidaten: Poroschenko, Timoschenko und Selenski.

Könnte nicht doch noch ein anderer Kandidat, etwa Ex-Verteidigungsminister Anatoli Hryzenko, der oft als Kandidat der Reformer bezeichnet wird, den Sprung in die Stichwahl schaffen?

Ganz sicher kann man sich nie sein. Es gibt sehr viele Unentschlossene, etwa ein Viertel der Wähler. Trotzdem sieht es nicht danach aus. Selenski hat einen Vorteil: Er konnte sich lange Zeit als Komiker mit politischen Themen profilieren, den Präsidenten und die Regierung durch den Kakao ziehen. Diese Kritik ist ja auch berechtigt. Trotzdem sagt das Ausmaß an Zustimmung, das er jetzt hat, auch etwas über die Naivität der Wähler aus.

Kann man das Phänomen Selenski nicht auch positiv sehen? Immerhin wäre mit ihm als Präsidenten ein Generationswechsel weg von den alten oligarchischen Eliten der 1990er Jahre eingeleitet.

Ja, das kann man so sehen. Noch wichtiger ist für viele Ukrainer aber, dass er bis jetzt kein Politiker war. Das ist nämlich der Punkt: Die Leute wollen ganz einfach keine Politiker mehr. Umfragen zeigen, dass das Vertrauen in die Regierung in der Ukraine auf dem niedrigsten Stand seit der Unabhängigkeit ist. Die Vertrauenswerte der Behörden liegen derzeit bei neun Prozent. Das ist sehr, sehr wenig. Deshalb ist man auch bereit, für jemanden zu stimmen, der von außerhalb des politischen Systems kommt. Selenski punktet am stärksten bei der Smartphone-Generation, die mit Internet, Facebook und Co. aufgewachsen ist.

Selenski führt ja einen reinen Online-Wahlkampf, zumindest hier in der Westukraine. Ich habe kein einziges Plakat und keinen Wahlkampfstand von Selenski gesehen. Kann man mit einer solchen Strategie wirklich Präsident werden?