Gaza. Hinter dem schwarzen Rolltor liegt Ägypten. Weniger als fünf Autostunden sind es von hier bis zum Flughafen bei Kairo. Für die Bewohner des Gazastreifens ist der Grenzübergang Rafah das Tor zur Welt. Doch das Tor ist schmal und das Gedränge um Durchlass groß. "Musst du in Österreich auch Monate warten, bis du dein Land verlassen darfst?" In Nasrs Blick liegt Wut, seine Stimme ist laut: "Das hier ist erniedrigend!" Bereits vor sechs Monaten habe er sich für die Ausreise angemeldet. Doch die Liste der Ausreisewilligen ist lang.

An den 200 Tagen, die der Übergang 2018 geöffnet war, ließen die ägyptischen Grenzbeamten etwa 300 Personen täglich passieren. Das führte zu Wartezeiten von mehreren Monaten auf die Genehmigung, die Grenze zu überqueren. Seit drei Tagen wartet der 27-Jährige nun am Grenzübergang, von sechs Uhr morgens bis zum Abend. "Mein Visum für die Vereinigten Arabischen Emirate ist noch zwei Tage gültig. Danach verfällt es." Und die Prozedur beginnt von vorne. Das alles kostet Zeit, Geld und Nerven.

Etwa 500 Menschen warten an diesem Morgen am staubigen Parkplatz neben dem Grenzübergang. Noch sind die Temperaturen angenehm. Sie sitzen auf ihren Koffern, rauchen Zigaretten oder trinken schwarzen Kaffee. Sie warten, bis sie aufgerufen werden, den Bus zu besteigen, der sie durch das schmiedeeiserne Tor auf die andere Seite bringen wird. Der Bus in eine Zukunft, die es für viele auch im Ausland nicht geben wird. "Ärzte und Ingenieure arbeiten später als Reinigungskraft oder Hilfskellner in Restaurants", sagt Ali, ein pensionierter Englischlehrer. Aber in Gaza finden sie überhaupt keine Arbeit.

Miriam zeichnet Akte, aber auch Porträts für Geburtstage. - © Schauta
Miriam zeichnet Akte, aber auch Porträts für Geburtstage. - © Schauta

Verantwortlich dafür seien sowohl die Palästinensische Autonomiebehörde in Ramallah als auch die Hamas. Bevor Hamas an die Macht kam und Israel eine Blockade zu Land, zu Wasser und in der Luft verhängte, sei alles einfacher gewesen: "Du nahmst dein Gepäck und konntest losreisen, auch nachts." Jetzt sei das alles viel schwieriger. "Die Leute bezahlen sehr viel Geld, um schneller über die Grenze zu kommen."

Bis zu 2000 US-Dollar kann es kosten, um von den ägyptischen Behörden auf der Liste nach vorne gereiht zu werden. Geld, das Nasr nicht hat. Wie er sich die Reise finanzieren könne? "Gold!", sagt er. Seine Mutter habe einen Teil ihres Schmuckes verkauft.

"Gaza ist klinisch tot"

Eine gute halbe Stunde ist es mit dem Auto vom Grenzübergang Rafah bis Gaza-Stadt. Maher Al-Tabbaa, Sprecher der örtlichen Handelskammer, empfängt in seinem Büro im elften Stock. "Wirtschaftlich gesehen ist der Gazastreifen klinisch tot", so Al-Tabbaa. Die Regierung sei pleite. "Sie kann nicht einmal ihre Angestellten bezahlen." An die Reparatur von Straßen oder den Neubau von Krankenhäusern sei nicht zu denken.

Die Zahlen sprechen für sich: Etwa ein Viertel der Häuser, die im Krieg von 2014 zerstört wurden, ist noch nicht wieder aufgebaut. Insgesamt fehlt es an 100.000 Wohnungen. Die Arbeitslosenrate liegt bei 52 Prozent. Mehr als die Hälfte der 1,9 Millionen Einwohner Gazas sind von ausländischer Hilfe abhängig. Und die Jugend? "70 Prozent der Akademiker zwischen 20 und 29 Jahren sind arbeitslos." Es gebe keine Jobs für sie, weder im privaten noch im öffentlichen Sektor, die beide seit Jahren kein Wachstum aufweisen. "Die Welt sollte wissen, dass die Blockade des Gazastreifens immer unerträglicher wird", sagt Al-Tabbaa und klappt seinen Laptop zu: "Irgendwann kommt es zur Explosion."

Beach Camp entstand 1948 als Flüchtlingslager, heute ist es ein Stadtteil von Gaza, die Straßen eng, die Häuser immer wieder aufgestockt, um neuen Wohnraum zu schaffen. Miriams Zimmer liegt straßenseitig, im zweiten Stock ihres Elternhauses. Es riecht nach Farben und Kleber und frisch gebackenen Keksen. "In meinem Zimmer kann ich ungestört arbeiten", sagt die 21-Jährige. "Das hier ist mein Reich."

Miriam zeichnet Porträts für Geburtstage oder Hochzeiten und bemalt Notebooks. "Damit kann ich Geld verdienen", sagt sie. Manchmal macht sie Spezialeffekt-Make-up für kleinere Filmproduktionen: Narben, Verwundungen, abgetrennte Finger.

In erster Linie sieht sie sich als Künstlerin, zeichnet Akte und arbeitet an Skulpturen. Einfach sei es nicht immer. Bilder von nackten Frauen könne sie nicht öffentlich ausstellen. Zeigt sie ihre Skulpturen in Ausstellungen, müsse sie sich immer wieder die Frage gefallen lassen, warum sie Brüste und Ärsche darstelle. "Viele mögen das nicht, vielleicht sind sie auch einfach nur schüchtern: Nackte Brüste - oh Gott!" Miriam lacht, durch das Fenster klingt der Ruf des Muezzins. Ihr Vater betritt das Zimmer, er hat eine Packung Kaffee mitgebracht. Die anwesende Journalistin begrüßt er als "gute Jungfrau". Miriam springt auf: "Was redest du da?!" Und zur Kollegin gewandt: "Sein Englisch ist nicht sehr gut." Sie weist ihrem Vater einen Sitzplatz zu. Wir möchten wissen, wie sie mit der Lage in Gaza umgeht, mit dem Mangel, der Begrenztheit des Lebens? "Früher war ich oft zornig", sagt sie. Irgendwann habe sie damit aufgehört und sich stattdessen auf ihre Arbeit konzentriert. "Immer zornig zu sein, macht müde."

"Gaza, Land der Verfluchten"

Szenenwechsel: Ein Café aus Holz gezimmert und auf Sand erbaut. Durch die offenen Fenster dringt das Rauschen der Brandung, von den Dachbalken hängen Käfige, in denen Vögel zwitschern. Sie stellt sich als Roba vor - ein Mädchen aus Palästina. Unter dem locker getragenem Kopftuch lugen schwarze Haarsträhnen hervor. Gerne will sie mit uns über die Lage in Gaza sprechen, ein Foto von sich möchte sie lieber nicht in der Zeitung sehen.

Wie viele Jugendliche in Gaza lebt auch Roba bei ihren Eltern. Ihr Vater arbeitet für die Palästinensische Autonomiebehörde. Sein Gehalt wurde vor einem Jahr um 50 Prozent gekürzt. Und es sehe nicht so aus, als würde sich das bald ändern. Um die 200 Euro bezahlen ihre Eltern pro Monat an Miete.